Das Märchenschloss über dem Lac du Bourget

Wie im Märchen Dornröschen umgibt sich die Abtei auf dem Vorsprung über dem See mit dem Nimbus des Uneinnehmbaren. Rosen, wehrhafte Rosen sollten es sein, die den Besucher des Klosters erwarten. Wie die böse Königin im Märchen verlangt die Abtei einen Preis, um Einlass zum für den Besucher Begehrten zu erlangen. Die geforderte Leistung ermisst sich nicht in Geld, Gold und Visa-Karten. Nur den Erwählten der Gemeinschaft und ihren Gästen öffnen sich vielleicht die Türen zum Rosengarten und der bekannten Terrasse. Dem Rest ergeht es wie den Rittern und Jünglingen, die sich voll Begehren in die Rosenhecke warfen und dort verendeten. Im Falle der ahnungslosen Besucher ist es die quälende Ästhetik der Neogotik, welche die Königsgräber des Hauses Savoyen umgibt. Ein Friedhof voller steinerner Grabmäler ist die Klosterkirche. Wem nach Totenverehrung verlangt, verbunden mit ein wenig royalistischer Nostalgie, wird seine Erwartungen erfüllt sehen. Allzu irdische Tröstungen hält für alle Enttäuschten der Klosterladen am Ende des Rundgangs parat. Hochpreisige Getränke, die üblichen Devotionalien und ewig haltbares Trockengebäck laden zum Frustkauf ein. Die Geschäfte laufen gut, wie sich an den zahlreichen gefüllten Einkaufstüten vermuten lässt.

Die Abbaye Hautcombe erinnert an ein Dornröschenschloss. Die Bewohnerinnen tun das auch.

Kaum Trost und keine Rosen

Einen Klostergarten gibt es nicht zu sehen. Die Potagerie ist der durchschaubare Versuch eine Anmutung von Gartenbau zu vermitteln. Nein, auch hier gibt es nichts für schnöde Besucher zu sehen. Der Beinwellstrauch am Tor hat es verraten. Das märchenhafte Konzept von Dornröschen geht auf. Wer in dem Turm schläft oder spinnt, wird keiner erraten. Es sei denn, er durchdringt die unsichtbare Barriere der Abteibewohnerinnen und -bewohner. Eine beschauliche Bootstour über den Lac du Bourget von Aix-les-Bains ist vergnüglich mit all den landschaftlichen Eindrücken. Die Abtei gehört dazu. Mit Rosen belohnt werden die Passagiere der Bootsreise allerdings nicht.

Romantisch ist der Aufstieg zur Enttäuschung darüber, was eine Abtei nicht hat oder besser verbirgt.
Der Besuch in der Klosterkirche ist ebenso spirituell wie jeder Friedhofsbesuch. Stolz bezeichnet die Abtei sie auch als Nekropole.
Engel quatscht dem Verstorbenen das Ohr voll.

Paternoster und Zaster

Für die meisten Klöster und monastisch lebenden Gemeinschaften ist die Verbindung von spiritueller Tiefe und touristischer Attraktivität eine Gratwanderung. Eines scheint nicht ohne das andere auskommen zu können – zumindest nicht auf Dauer. Angeblich aufgrund ausufernder Touristenströme verliessen die Benediktiner in den Neunzigerjahren das Kloster mit dem Rosengarten über dem See. Ob sie am neuen Standort nun tatsächlich ihre Ruhe gefunden haben, ist unbekannt. Immerhin sind sie auch dort von den täglichen Einnahmen aus den Verkäufen des Klosterladens abhängig. Eine allgemein gültige Lösung beidem zu entsprechen – Tourismus und zurückgezogenem Klosterbetrieb – gibt es nicht. Einige funktionieren, andere nicht. Die Gemeinschaft von Chemin Neuf hat sich für diese Variante entschieden. Dornröschen in ihrem Turm hatte auch nur so lange Ruhe, wie der Zauber der bösen Fee wirkte. Bis dahin war ganz schön was los in der Hecke.

Die Potagerie der Abtei gaukelt illustrativ Gartenbau und Landwirtschaft vor. Sie gleicht einem potiemkischen Dorf.
Ziemlich ratlos wirken die Heiligen vor der altehrwürdigen Abtei beim Betrachten des Treibens der neuen Abteibewohner.
Erlaubt ist nichts und verboten bleibt Vieles in der Abbaye Huatecombe.

Wunder der Seefahrt

Statt spirituellen Upload geht es mit Audioguide durch die Klosterkirche direkt in den Klosterladen. Wer zwischen all den Grabplatten und Verkaufsregalen nichts für sich gefunden hat, wendet sich der Sonne zu und trottet zurück zum Bootsanleger. Schön, wenn das weisse Boot zurückgleitet ans dicht besiedelte östliche Ufer. Was wäre der See ohne seine Boote und die Abtei? Beides sind Touristenmagnete. Davon leben viele Menschen in der Umgebung. Egal, ob der Schiffer seinen Nachen zur Abtei mit Rosengarten und Terrasse lenkt, oder zu einer Kulisse mit Imagination. Solange der Mythos und die Bilder in den Köpfen der Menschen leben, lässt sich damit gut Geld verdienen.

Info und Anfahrt:

Wie alles in Frankreich, lässt sich die Abtei mit dem eigenen Fahrzeug gut erreichen. Wer es ein wenig beschaulicher mag, kann von Aix-les-Bains mit dem Boot übersetzen.