Eingebettet in die hügelige Landschaft Oberschwabens liegt das Kloster Sießen. Umgeben von Feldern und kleinen Wäldchen thront es auf einer Anhöhe östlich von Bad Saulgau. Von weitem ist es schon deutlich zu erkennen. Das Kloster Sießen hat etliche tiefgreifende Veränderungen in seiner Geschichte durchgemacht. Sein Gebäudekomplex ist eine Sammlung verschiedener Baustile aus den jeweiligen Zeitepochen. Ausgehend von der barocken Klosterkirche erfährt es auch in diesen Tagen Erneuerungen und Erweiterungen. Gästen des Klosters wird im Besonderen der Besuch des im Jahre 2004 eröffneten Franziskusgartens ans Herz gelegt.

Grosse Inszenierung
Der Franziskusgarten ist der Versuch einer Transkription der Natur und des Natürlichen. Ein Garten ist per se ein Kunstprodukt. Es ist das Experiment, die Natur in nutzbare Formen und Formate zu drängen. Die Verbindung von Schönem und Nützlichen suchten einst die Schöpfer berühmter Landschaftsparks. Von dieser Denkweise scheint die Planung des Franziskusgartens inspiriert zu sein. Was dem Betrachter sich bietet, ist eine orchestrierte Inszenierung von Natur und Natürlichkeit. Ene baumbestandene Arena mit Natur präsentiert sich dem Auge und den Sinnen. Die Anlage des Sießener Franziskusgartens soll den Sonnengesang des Heiligen Franziskus symbolisieren. Das Lied des Sonnengesangs ist Franziskus`berührender Lobpreis der Schöpfung und ihres Schöpfers. Bruder Sonne wird für alle erfahrbar, die sich an heissen Tagen die schattenlose steingesäumte Rampe hinab- und wieder hinaufquälen. Das Wasser hat keinen freien Lauf. Es ist in bachähnliche Kanäle gezwängt, die in einem romantischen Seerosenteich münden. Die gestalterische Idee des Franziskusgartens wirkt wie ein Vorgriff auf eine Entwicklung, die wir – Jahre später – heute erleben dürfen. Es ist die Erfahrung der Welt im künstlichen Raum. Dabei zählt nicht mehr, was real vorhanden und bewahrenswert ist. Dinge und Erfahrungen gewinnen erst an Wert, wenn sie zur Wahrnehmung präsentiert werden. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht rein auf die neue virtuelle Welt. Wir erleben es tagtäglich. Menschen gehen nicht mehr barfuss, den sie tragen Barfussschuhe. Äpfel werden bio, wenn sie so etikettiert beim Händler liegen. So wurde hier der göttlichen Schöpfung ein Begegnungsraum geschaffen, obwohl sie doch allgegenwärtig ist. Wer den Blick hebt, entdeckt die Welt hinter dem Gartenzaun.

Gestaltete Natur
Es ist die Illusion einer perfekten Natur. Sie erspart uns das hinschauen. Das Entdecken und die Erfahrung werden vorweg genommen. Die menschlichen Sinne werden lenk- und manipulierbar. Manchmal ist es lediglich die Schaffung eines tröstlichen Moments für verloren gegangene Paradiese. Sie gleichen Mantras, die vergegenwärtigen: alles ist wiederholbar, alles kann wiedergewonnen werden, alles ist Wiedergeburt. Die Natur verkommt zur Kulisse. Sie ist nur noch Raum für die Selbstverherrlichung des Menschen, seiner Pläne und Taten.



Mitten im Sießener Franziskusgarten versteckt sich ein kleiner besuchenswerter Kern. Wahrscheinlich ist es der urspünglichste Teil, der von der Gartenumgestaltung verschont geblieben ist. Hohe Bäume bieten Schatten. Die Lücken dazwischen spenden Licht. In der Nachbarschaft eines ockerfarbenes Bienenhauses spriesst frisches Grün im Kräutergärtchen. Ein niedriger hölzerner Zaun schützt vor ungebetenen Gästen. Zum Bienenhaus verwehrt ein Maschendrahtzaun den Zutritt. Beides wirkt ein wenig der Zeit und der Welt entrückt.

Ein kleines Kräutergärtchen
Schön, dass es dieses kleine Kräutergärtchen gibt. Offenbar dient es nicht zum Anbau wertvoller Heil- und Gewürzkräuter. Dennoch ist es ein lebendiger und lichter Ort. Die Bienen aus der Nachbarschaft nutzen ihn als Futterquelle. Hummeln und andere Insekten sind auch eingeladen und nutzen das Angebot ausgiebig. Vorrangig sind es die blühenden Vertreterinnen und Vertretern unter den Kräutern, die im Kräutergärtchen zuhause sind. Schön sind die kleinen Schilder für die Wissbegierigen. Das Gärtchen ist eine kleine Insel des Erfahrbaren im grossen Franziskusgarten.



Info und Anreise:
Ein gut ausgebauter Fuss- und Fahrradweg führt direkt vom Zentrum des Städtchens Bad Saulgau direkt zum Kloster Sießen. Sanft ansteigend verläuft er abseits der grossen Strassen vorbei an Gärten und Feldern. Für alle Autofahrenden hat es Parkplätze an den Zufahrtswegen.

