Gedanken zum Lorscher Arzneibuch

Das „Lorscher Arzneibuch“ ist das älteste Zeugnis für eine Klosterheilkunde im deutschsprachigen Raum. Die Benediktiner des Klosters Lorsch verfassten die Sammlung heilkundlicher Rezepte am Ende des 8. Jahrhunderts. Mit insgesamt 482 Rezepturen ist es ein sehr umfangreiches Werk. Die Arzneien basieren hauptsächlich auf pflanzlichen Grundstoffen. Ohne Zweifel griffen die Autoren des „Lorscher Arzneibuches“ auf seit der Antike bekanntes Heilwissen zurück. Besonders eindrücklich würdigten sie das Potenzial einheimischer Heilpflanzen und Kräuter. Zugleich lieferten sie eine stichhaltige theologische Begründung, weshalb das Heilen und Lindern von Krankheiten nicht dem Heilplan Gottes widerspricht. Verfasst wurde es in lateinischer Sprache. Das handschriftliche Original hat in der Staatsbibliothek Bamberg einen sicheren Aufbewahrungsort. Seit dem Jahre 2013 zählt es zum UNESCO-Weltdoukumentenerbe.

Die Christianisierung der Germanen umfasst den langen Zeitraum vom 4. bis zum 12. Jahrhundert. Mittendrin, am Ende des 8. Jahrhunderts, im Jahre 724 fällte Bonifatius die der germanischen Gottheit Thor geweihte Eiche bei Geismar. Vierzig Jahre später kam es zur Gründung des Klosters Lorsch. Ein Rechtsstreit mit dem Gründererben führte letztendlich zur Übereignung des Klosters an Karl den Grossen, König des Fränkischen Reichs und späterer Kaiser des Römischen Reiches. Somit wurde im Mai 772 Lorsch zur Reichsabtei und zum Königskloster erhoben. In diesen bewegten Tagen fanden dann aber doch die Mönche im Skriptorium des Klosters Lorsch Zeit und Muse für die Erstellung eines Buches, das die Heilkunde im westlichen Abendland verändern sollte – das „Lorscher Arzneibuch“.

Lorscher Arzneibuch - Staatsbibliothek Bamberg Msc.Med.1, Seite 5 r, diese Kopie wurde aus dem digitalen Bibliothekskatalog kopiert.

Dem Verfasser des Buches überkam wahrscheinlich beim Schreiben der Seiten eine Ahnung, dass die Veröffentlichung des „Lorscher Arzneibuches“ nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung stossen könnte. Er rechnete ganz offensichtlich mit Gegenwind. Daher wählte er einen taktisch klugen Vorgriff. Bereits mit der Einleitung eröffnete der Verfasser seine Argumentation für die Medizin als Wissenschaft und eine ausgefeilte Exegese. Darin begründet er, wieso das Heilen von Menschen dem Willen Gottes entspricht.

1. Korinther 12, 9.28

Die heilige Thekla im Gespräch mit Paulus auf einem Gemälde des 14. Jahrhunderts (ca. 1334) im Museum der Kathedrale zu Tarragona.

1. Göttlicher Heilsplan

Unser Lebens- und Leidensweg ist im Buch Gottes schon vorgeschrieben (Pslam 139,16). Alles was geschieht, ist allein Gottes Wille: Geburt, Krankheit, Glück, Erfolg und Tod. Man denke nur an den armen Hiob im Alten Testament. Nichts liess er sich zu Schulden kommen und wurde dennoch mit allen möglichen Plagen gepeinigt und geprüft. Dementsprechend sind Krankheiten und Unfälle ein Teil des göttlichen Heilplans und somit vorherbestimmt. Sünder straft der liebe Gott mit Schwären und anderen Leiden und Krankheiten. ‚Wer gegen seinen Schöpfer sündigt, muss die Hilfe des Arztes in Anspruch nehmen‘ (Jes Sir. 38,15). Diese Denkweise ist bis heute bei vielen Gläubigen und Abergläubigen immer noch tief verankert. Ebenso unterliegen, diesen Gedankengängen folgend, Genesung und Wiederherstellung alleinig Gottes Willen und folgen somit seinem Plan. In diesem Menschenverständnis ist kein Platz für Ärzte und Medizin vorgesehen. Allein, was helfen kann, ist Buße und Beten! 

An Beispielen von Heilungen im Alten und Neuen Testament argumentierte der Verfasser, dass ein Handeln im medizinischen Sinne nicht dem Heilsplan Gottes widerspricht. Im Gegenteil argumentiert er, dass dies bereits der Schöpfer vorgesehen hatte. Mit dem Zitieren von Jesus Sirach ‚Gott bringt aus der Erde Heilmittel hervor, der Einsichtige verschmähe sie nicht.‘ (Jes. Sir. 38,4) geht er sogar noch einen Schritt weiter. Wer Gottes gute Gaben verschmäht ist ein Frevler. Zu diesen gehören die Gaben der Heilkunst, das Wissen darum, deren Weitergabe, die Kenntnisse der Mittel und ihre konkrete Ausübung. ‚Schätze den Arzt, weil man ihn braucht; denn auch ihn hat Gott erschaffen.‘ (Jes. Sir. 38,1) Ihm war klar, dass es ohne Gottes Beistand kein Gelingen und keine Heilung geben würde. Den Bogen zu spannen zur christlichen Nächstenliebe war für ihn ein logischer Schritt. „Seid also nicht lässig, dem Herrn zuliebe den Patienten zu helfen. Denn was immer ihr den Siechen tut, das wendet ihr für Christus den Herrn auf. Er wird am Tag des Gerichtes sagen: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht (Mt. 25,36), und indem ihr es einem von diesen getan habt, habt ihr es mir getan“ (Mt. 25,40). Im Zitieren des Eides von Hippokrates legt er zugleich die ethischen Grundsätze ärztlichen Handelns fest. Hierin spätestens deutet sich dann die Brücke zwischen dem antiken Wissensschatz und dem gelebten christlichen Glauben an, die mit dem „Lorscher Arzneibuch“ geschlagen werden sollte.

2. Zwei Klassen Medizin

Der Diskussionsstoff um die Berechtigung und Sinnhaftigkeit einer Zweiklassen-Medizin ist nicht neu. Ihre Spuren finden sich selbst auch im „Lorscher Arzneibuch“. Eine Vielzahl der Zutaten für die aufgeführten Rezepturen waren bereits zu ihrer Zeit immens teuer und nur für die wenigsten erschwinglich. Umso erstaunlicher lesen sich die vielen zum Teil als Alternativen aufgezählten Rezepturen mit Mitteln aus dem bäuerlichen Umfeld bzw. aus der heimischen Kräuterheilkunde. Meist wurden sie unmittelbar darunter geschrieben. Der Germanist Gundolf Keil vermutete beim Autor des „Lorscher Arzneibuches“ ein Konzept zur Kostendämpfung. Mit dem Ersetzen kostspieliger Drogen aus dem Orient durch einheimische Heilpflanzen wären die Probleme mit den Verfügbarkeiten und den hohen Preisen lösbar.

Die sogenannte Klostermedizin war offenbar eine Zwei-Klassen-Medizin. Für die erkrankten Brüder und Schwestern galt das wohl nicht, obwohl die Benediktusregel auf Hierarchien und Distinktionen baut. Bei den Kranken und Pflegebedürftigen der klösterlichen Gemeinschaft wurde nicht mehr unterschieden. Unstrittig ist, dass es oftmals heilkundige Mönche waren, die von Adligen bei gesundheitlichen Problemen zu Rate gezogen wurden. Das wurde oft und gerne genutzt. Immerhin war es ein Beweis der Leistungsfähigkeit eines Klosters, seines Wissenschatzes und steigerte sein Ansehen, was sich dann meist auch in Zuwendungen niederschlug. 

Lorscher Arzneibuch

Faksimile des Lorscher Arzneibuches aus dem Buch von U. Stoll und G. Keil mit den Übersetzungen aus dem Jahre 1989, erschienen bei der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft Stuttgart.

Förmlich als Bestätigung einer Zwei-Klassen-Medizin hat der Verfasser das so formuliert: „Ist einer reich, möge es eine rechte Gelegenheit zum Gewinn sein, ist er arm, laß dich mit einer Winzigkeit abfinden.“ (5r) Das ist durchaus im Sinne der Benediktusregel im Hinblick auf den Verkauf von Waren. Der Heilige Benedikt sprach sich energisch gegen Wucher aus. Er warnte ausdrücklich vor dem Übel der Habgier. Demnach sollten die Preise für vom Kloster angebotenen Waren sich immer unterhalb des Marktniveaus bewegen. (RB 57) Dem zuzurechnen sind demnach auch Präparate und Drogen aus den Klosterapotheken. Von einem Wohlhabenden etwas mehr zu nehmen, das hingegen verbietet die Regel nicht. 

3. Würdigung der Kräuterheilkunde

Ingwer, schwarzer und weisser Pfeffer, Galgant, Zimt, Weihrauch und Nelken sind Grundzutaten für eine ganze Reihe von Rezepturen. Als Leser stellt sich die Frage, wo bekamen sie zu dieser Zeit das Zeug her? Die Wege von Lorsch über die Alpen waren weit und unsicher. Beim Weiterlesen wird klar: Raute, Tausendgüldenkraut und Bunge hatten zu dieser Zeit Konjunktur. Die geläufigen Kräuter der Volksheilkunde tauchen alle auf. Zum populärsten Heilmittel stieg der Fenchel auf. Die im „Lorscher Arzneibuch“ vermittelte Heilkunde basierte nicht auf komplizierten Rezepturen und Zutaten. Den heimischen Kräuter und Pflanzen wird eine aufrichtige Wertschätzung zuteil. „Lernt daher die Natur der Kräuter kennen, den Unterschied der Salben, und stellt mit sorgfältiger Kenntnis die Mischung der Arten her.“ (4v) Dieser Satz klingt, als wusste der Verfasser beim Schreiben – das ist erst der Anfang!

Quellen:

Lorscher Arzneibuch – Staatsbibliothek Bamberg Msc.Med.1, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:22-dtl-0000003730, abgerufen 24.07.2026

Stoll, U., Keil, G., Ohlmeyer, A.; Das Lorscher Arzneibuch, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989.