Zitronenverbene im Kräutergarten des Benediktinerklosters Engelberg.

Arzneikräutergarten

Der Arzneikräutergarten – heilendes Wachstum

Der Anbau von Heilkräutern innerhalb von Klostermauern wird oft mit der Bendiktusregel (RB 36,1-10) begründet, wonach für die Kranken zu sorgen sei. Die Effekte von Linderung und Heilung durch die Kraft von Pflanzen und Kräutern waren von jeher bekannt. Der Zugang zu Heilkräutern und Pflanzen mit heilenden Kräften war der einfachste, praktischste und ökonomischste. Es gab ja einen Garten, wie ihn die Regel vorschrieb. Das Wissen um die pflanzlichen Heilkräfte  war bereits von Alters her bekannt. Vermutlich vermengte sich hier volksheilkundlich Tradiertes mit den in den Schriften übermittelten Wissen des Altertums. Einerseits waren die Anwendungen mit pflanzlichen Drogen in der Volksheilkunde tradiert, andererseits boten schriftliche Quellen in den Klosterbibliotheken ein erhebliches Wissenspotenzial. Hierbei wäre allerdings zu bedenken, dass nicht alle Klöster zu jeder Zeit Skripte mit Inhalten antiker Heilkunde in ihren Bibliotheken verfügbar hatten. Eine neue klösterliche Erfahrungsheilkunde bildete sich darüber hinaus nicht. Inwiefern die Schriften der Heiligen Hildegard von Bingen auf Eigenerfahrung beruhen, lässt sich aus heutiger Sicht nicht sicher bestimmen. Ob die Vielzahl ihrer Rezepturen in den heilkundlichen Schriften dem klösterlichen Alltag ihres Bingener Klosters entstammen, lässt sich schwerlich nachvollziehen. Ihr Erfahrungsschatz verstummte in Sammlungen und Bibliotheken bis vor rund einhundert Jahren. Eine einheitliche Klosterheilkunde gab es nicht und bildete sich als eigenständige Disziplin nicht heraus. Das ist nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, wie immens die Bandbreite an Abweichungen im Bezug auf Indikationen und Anwendungen bei Pflanzen und Kräutern länderbezogen gibt. Die Variationen zwischen den einzelnen Landschaften sind zum Teil enorm. Über den Umfang des Austauschs von Wissen und Erkenntnissen zwischen den Klöstern kann nur gemutmasst werden. Wahrscheinlicher ist, dass sich der Wissensschatz einer traditionellen Pflanzenheilkunde unter anderem mit personellen Zuwächsen weiterentwickelte. Novizen brachten Erfahrungen und Wissen aus den Lebenswelten mit, denen sie entstammten. Das konnte im günstigsten Fall dann das vorhandene angestammte Wissen und die Erfahrungen in den jeweiligen Klöstern ergänzen.

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Der planmässige Anbau von Heilkräutern- und -pflanzen sicherte die Versorgung der Infirmerie des Klosters. Die Bevorratung der daraus gewonnenen Drogen organisierten die klostereigene Apotheken, ebenso deren Verarbeitung. Logischerweise muss es in der Bevorratung zu Überschüssen gekommen sein. Einen Bedarf hat es mit Sicherheit auch ausserhalb der Klostermauern gegeben. Die im Umfeld von Klöstern siedelnde Bevölkerung konnte aus den Überschüssen mit Heilmitteln versorgt werden. Nicht selten traten dabei Klöster ungewollt in Konkurrenz zur ortsansässigen Apothekern wie im Fall der Benediktinerabtei zu Praglia. Die Apothekerschaft der Republik Venetien setzte aus Konkurrenzgründen das Verbot der Klosterapotheke in Praglia durch. Dabei war sie in Qualität und Preis stets den in den Zünften organisierten Apothekern überlegen. Entsprechend des klösterlichen Preisgebots (RB 57,8), dass Klosterwaren stets billiger als anderswo sein sollten, waren die Drogen und Zubereitungen begehrt. Das schien besonders im Falle von Praglia Einfluss auf die Volksgesundheit und die Produktivität der Klostergüter zu haben. Die Apotheke von Praglia war ein Erfolgsmodell. An ihr liessen sich die Gesetzmässigkeiten von ‚Scope und Scale’ deklinieren. Der Anbau von Arzneimitteln in grösserem Umfang als der ursprüngliche Bedarf senkte die Kosten pro Dosis. Mit höheren Mengen liess sich auch eine bessere Qualität durchsetzen. Aus der Überproduktion konnten zusätzliche fürs Kloster, eine gute Versorgung Kranker, sowie eine Bindung der Bevölkerung an das Kloster erzielt werden. Die Versorgung mit preiswerten und hochwertigen Arzneien aus der Klosterapotheke der Abbazia di Praglia war bis zu ihrem Verbot ein Wohlstandsfaktor.

Mit der Etablierung einer modernen auf chemischen Produkten basierten Pharmazie büssten die traditionellen Klosterapotheken ihre Bedeutung und in den meisten Fällen auch ihre Zulassung ein. Vielfach finden sich nur noch in der Sammlung des Kloster-Museums Spuren einer ehemals vorhandenen und betriebenen Klosterapotheke. Bemalte Apothekerschränke bezeugen im Stift Stams vom ehemaligen Vorhandensein einer Apotheke. In Admont wird die Klosterapotheke nicht mehr vom Stift betrieben. Die Apotheker führen die Tradition in Teilen am Platze fort. So halten sie einige Klosterprodukte vor, für deren Herstellung und Vertrieb es eines Apothekers oder Apothekerin bedarf. In Praglia hat man sich auf die Herstellung von Kosmetika spezialisiert und das Apothekenverbot nie wieder angefochten.

Es ist nicht verwunderlich, wenn im ‚Capitulare de Villis‘ die selben Pflanzen erwähnt werden, wie im St. Gallener Klosterplan, der übrigens 16 Beete für den Anbau von Heilkräutern vorsah. Es war nicht der Kaiser Karl der Grosse, der den Klöstern vorschrieb, was sie zukünftig anzubauen hätten. Die vielzitierte Landgüterverordnung hatte zum Ziel die Führung der kaiserlichen Krongüter durch Reformen zu harmonisieren und damit die Erträge im Reich zu steigern. Sie war ein Erlass vom Kaiser. Die Querverbindung zu den Klöstern ist am Ehesten unter den Autoren zu vermuten. Einflussreiche Äbte und Mönche wirkten an der Landgüterverordnung mit. Die kannten sich mit Organisation und Strukturen bestens aus. Daher ist nicht verwunderlich, wenn die Pflanzenlisten in beiden Dokumenten – dem Sankt-Gallener-Klosterplan und dem ‚Capitulare de Villis’ – sich gleichen.

Es waren Mönche, die Pflanzen aus dem Mittelmeerraum mit über die Alpen brachten, um sie in den Klostergärten anzubauen. Vieles war zum Zeitpunkt der christlichen Missionierung diesseits der Alpen gänzlich unbekannt. Das Kultivieren der Heilpflanzen in den Klostergärten hat sich gelohnt. Im Laufe der Zeiten haben sind eine ganze Reihe von ihnen hier heimisch geworden. Das Benediktenkraut ist eine Ausnahme. Es ist zwar in jedem guten Klostergarten zuhause. Mönche brachten es einst mit, um Schnaps damit zu würzen und Magenverstimmungen zu kurieren. Seit mehreren hundert Jahren ist sie in unseren Breiten beheimatet. Sie mag sich trotzdem nicht auswildern und gedeiht nur im Klostergarten.

Die zeitgenössische Anlage des Kräutergartens im Kloster Gut Aich folgt der baulichen Tradition des Kreuzganges.

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