Eine Entdeckung in der Alten Apotheke von Bad Schussenried
Auf den Spuren der Klostermedizin
Wäre ich nicht ein wenig schusselig, hätte ich die Alte Apotheke in Bad Schussenried nicht betreten. Ohne meine daheim vergessenen Pillen hätte ich dem Jesus als Apotheker niemals in die Augen geschaut – zumindest nicht an diesem Tag. Ausgeblieben wäre auch die interessante Unterhaltung mit dem Inhaber Herrn Schmid. Wie ich lernen durfte, ist Jesus als Arzt oder Apotheker kein allzu seltenes Motiv. Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden eine Vielzahl von Gemälden dieses Genres. In einer Apotheke hätte ich ein Bild wie dieses am wenigsten vermutet. Herr Schmid, der Apotheker, weiss eine launische Geschichte über das Ölbild zu erzählen. Angeblich soll es es aus dem benachbarten, nur wenige hundert Meter entfernten Kloster Schussenried stammen. Die ehemalige Reichsabtei wurde im Jahre 1803 aufgehoben. Möglich, dass das Gemälde in einer verborgenen Ecke unbeachtet herumstand. Vor einigen Jahren jedoch fiel es einem Sammler auf, der darin ein passendes Geschenk für den Apotheker Schmid sah. Der wiederum wiegelt ab. Aus seiner Sicht handelt es sich eher um eine gute Kopie, woraus der Kopist offensichtlich auch kein Geheimnis machte. Im Geschriebenen am unteren Bildrand gibt es eine Reihe auffälliger Übermalungen. Sie haben den Text zum Lückentext werden lassen. Ob die Schrift im Original an diesen Stellen einfach unleserlich war, oder falsch, darüber lässt sich nur rätseln.

Christus als Apotheker
Chistus als Arzt kennt die richtigen Mittel zur Heilung. Als Apotheker hat er das Passende gleich mit im Angebot. Nach dem geltendem Pharmazierecht hätte Jesus allerdings als praktizierender Arzt und Apotheker mit der Abgabeverordnung ein Problem. Es gilt das ärztliche Dispensierverbot (§ 43 AMG). Als Arzt und Apotheker dürfte er Praxis und Apotheke gleichzeitig unter Erfüllung der fachlichen Voraussetzungen führen, allerdings nur als getrennte Betriebe. Von einer Unkenntnis der aktuellen Rechtslage darf beim Schöpfer dieses Porträts ausgegangen werden. Das Ölgemälde scheint älteren Ursprungs – mindestens letztes Jahrhundert. Jedoch hat der Künstler gestalterisch vorgegriffen. Sein Jesus-Porträt zeigt ihn in der Tätigkeit und ausgestattet mit den Gerätschaften eines Apothekers. Im 17. Jahrhundert vollzog sich ein Wandel in der Darstellung von Christi als Arzt hin zum Apotheker. Die Rolle des Arztes wurde von da an beim himmlischen Vater verortet. Im unten stehenden lückenhaften Text des Bildes wird eindrücklich auf ihn als Seelendoktor verwiesen.
Jesus Christus als Arzt und Apotheker war seit dem 17. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum ein oft gemaltes Motiv – zumindest öfter als vermutet. Ging man bisher von 150 bis 200 Gemälden aus, dürfte die Zahl seit den letzten Funden noch weiter steigen. Über die religiöse Tiefe dieser Art von Andachtsbildern wird gestritten. Sogar als religiösen Kitsch sind sie schon beschimpft worden. Fakt ist, es gibt katholische und evangelische Varianten des Christo medico. Im vorliegenden Falle fehlen die Engel, Fahnenbänder und schmückende himmlische Elemente, um eindeutig auf eine katholische Interpretation des Motivs schliessen zu können. Was hingegen für eine evangelische Variante sprechen würde, Spruchbänder mit Bibelzitaten und Psalmversen, die fehlen dem Bilde auch. Klar erkennen lässt sich der protestantische Einfluss bei der Bildfindung. Der Historiker Fritz Krafft führte hierzu aus: „Luther hatte auch von den Kirchenvätern die Vorstellung übernommen, dass die Heilige Schrift eine Apotheke (geistlicher) Arzneien sei und das Wort Gottes die wichtigste Arznei in der göttlichen Therapie; und er bezeichnete gelegentlich auch schon Christus als den Apotheker, der dieses Arzneidepot verwaltet und Arzneien herausgibt.“ Die Aufforderung zur Beichte und die Würdigung des „hochwürdigen Sacraments des Altars“ im unten stehenden Textteil des Bildes erlaubt hingegen eine katholische Zuordnung.
Ungewöhnliche Ingredienzen
In der Apotheke der Dreifaltigkeit versieht der Heilige Geist den Dienst des Apothekers. So jedenfalls ist es dem Textteil des Bildes zu entnehmen. In der Offizin steht Christus an der Waage und wiegt Kreutz-Wurz ab. Diverse Pflanzen führen Kreuzwurz als Trivialnamen, so das Benediktenkraut, das Gewöhnliche Greiskraut oder auch der Schwalbenwurz-Enzian. Im Vorratssäckchen des Creutz-Wurtz’ befinden sich jedoch keine getrockneten Pflanzenteile oder Wurzelstückchen. Es sind lauter kleine goldene Kreuze, Symbole des Leiden Christi zur Erlösung der Menschen. Die gegenläufige Waagschale ist augenscheinlich leer. Sie sollte der Logik nach mit Schuld beladen sein. Des himmlischen Apothekers Handeln ist geprägt voller Liebe, so dass sich die textilen Bändchen an der Waage zu Herzen formen. Zu seiner Rechten griffbereit stehen zwei Dosen mit ‚Seeligmacher‘ und ‚Vergebung der Sünden’ sowie eine Karaffe mit Wein und eine Vase mit Wasser. Zur Linken sind geschlossene Dosen mit den Aufschriften wie Sanftmütigkeit, Demütigkeit, Göttliche Lieb, Beständigkeit, Barmherzigkeit, Ewiges Leben, Friede der Seele, Augentrost, Geduld, Reinigkeit, Hilfe aufgereiht. Wieso die einzige Kräuterdroge Augentrost (Euphrasia) sich inmitten der christlichen Tugenden wiederfindet, erschliesst sich dem Betrachter nicht. Auf einem kleinen hölzernen Regal an der Wand stehen weiter Apothekendosen. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese Drei wurden um zwei weitere Dosen mit der Aufschrift Gerechtigkeit und Gnade ergänzt.
Bei so vielen Fragen wie dieses Bild auch unbeantwortet lässt, ein ernsthafter Verweis lässt sich nicht übersehen. Es geht um die Heilungsformel in der katholischen heiligen Messe. Augenscheinlich ist das Gemälde von ihr inspiriert. Das Domine, non sum dignus (nach Matthäus 8,8) ist die gesprochene Bitte um die Heilung der Seele bei der Einladung zur Kommunion. Oft wird darüber hinweg gebetet, was die protestantischen Geschwister in ihrer Liturgie sehnlich vermissen. Mit einem Satz steht im Mittelpunkt, was uns am Leben hindert. Es ist nicht die Bitte um die Linderung körperlicher Leiden. Die Seele soll gesund werden, unser Fühlen, unser Sein! Wenn die Seele schmerzt, wird das Leben schwer. Es braucht zur Heilung nicht viel. Nur ein Wort. Ein Wort der Zuwendung. Wie viel ein einziges Wort ausrichten kann, das erinnern wir in diesem Gebet. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn das Rezept im unteren Teil des Bildes „Eine köstliche Artzney für allerley Krankheiten der Seele“ ist. Laut der Inschrift muss sie nur getrunken werden, um an der Seele gesund zu werden. Die Zutaten sind allbekannt: Sanftmütigkeit, Demütigkeit, Barmherzigkeit, Geduld, Reinheit des Herzens, des Gemüts und des Leibes und die göttliche Liebe.
Hinter dicken Mauern
Wenn ich Herrn Schmid richtig verstanden habe, kann er gut damit leben, wenn das Bild kein Original ist. Ihn freut es, wenn Menschen von seinem Apotheker-Christus sich angesprochen und inspiriert fühlen und miteinander ins Gespräch kommen. Besucher der Alten Apotheke in Bad Schussenried betreten ein jahrhundertealtes geschichtsträchtiges Fachwerkhaus, dessen dicke Mauern noch viel mehr Sehenswertes bergen. Es ist ein Stück lebendiger Pharmaziegeschichte.
Als ein Verweis auf die viel besprochene Klostermedizin kann das Gemälde nicht verstanden werden. Seine Herkunft ist unklar. Sollte es doch zum Inventar des Klosters Schussenried gehört haben, dann war es entweder der Stiftskirche oder eine der Kapellen gewidmet. Dass die Chorherren in ihrem Prämonstratenserstift eine Apotheke betrieben, ist nicht belegt.
Quellen:
Krafft, F.; Das weitverbreitete Andachtsbild ‚Christus als Apotheker‘. Eine aus Schlesien initiierte Visualisierung der Theologia medicinalis. In: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 50 (2009 [2010]), 215 – 260 mit 15 Abbildungen.
Krafft, F.; Arzneien „umb sonst und on gelt“ aus Christi Himmelsapotheke; https://www.pharmazeutische-zeitung.de/titel-51-2001/, gelesen 04. November 2026
von Erffa, H. M.; Christus als Arzt, RDK III, 639–644, https://www.rdklabor.de/w/index.php?title=Christus_als_Arzt&oldid=92620, gelesen 05. November 2026
Glauert, M.; Christus als Pharmazeut – Die wundersame Apotheke, https://www.oeaz.at/Chronik_-_Historie/Historisches_Schmankerl/Die_wundersame_Apotheke.html, gelesen 02. November 2026



