Der Hortus conclusus – ein Ort spirituellen Rückzugs
Ein rätselhafter Ort ist der Hortus conclusus. Diese Verschlossenheit, die zugleich ein Schlüssel zu spirituellen Erfahrungen bietet, weckt unser Interesse und Sehnsüchte. Ein Garten mit hohen Mauern, hinter dem es sich gut leben lässt, hat von jeher unser aller Neugier geweckt.
Manche vermuten den Hortus conclusus in der Klausur. Wiederum andere bringen ihn oftmals auch mit dem Kreuzgang als Innerstes eines Klosters in Verbindung. Dieser Garten ist ein spiritueller Ort. Mitunter wird er als nicht irdisch verortet. Es könnte dieser eine schöne Ort sein, in dem wir uns in Gedanken und Sehnsüchten zurückziehen, wenn wir Antworten suchen, die Gedanken kreisen und wie die Nonnen und Mönche beten.
Wie stark der klösterliche Hortus conclusus die menschliche Gedankenwelt und die Kunst inspiriert, bezeugt die herzrührende Geschichte ‚Der selbstsüchtige Riese’ von Oscar Wilde. Der sonst als religionsfremd wahrgenommene Wilde widmete sich dieser kleinen Geschichte einem verborgenen Garten und einer denkwürdigen Begegnung mit dem Jesuskind. Das ist überraschend, zumal der Hortus conclusus eher als ein Garten Mariens dargestellt wird. Der Hortus conclusus ist ein imaginärer Ort inspiriert durch das Hohelied Salomons (4,12): „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell.“ Der versiegelte Quell wird in der Exegese häufig mit der Jungfräulichkeit der Gottesmutter Maria übersetzt. Seit dem Mittelalter ist Maria im Rosengarten ein beliebtes Motiv neben der Darstellung des verschlossenen Gartens. Galt doch die Rose seit dem frühen Mittelalters nicht nur als marianisches Symbol, sondern auch als Zeichen des Geheimnis schlechthin. Doch auch andere Blumen wie Lilien als Sinnbild für die Reinheit des Herzens wurden dem Mariengarten zugeordnet und finden sich in weiteren Darstellungen des verborgenen Gartens. Der Hortus conclusus hat im Besonderen die bildende Kunst des Mittelalters beeinflusst und beflügelt bis heute unsere Fantasie. Doch gibt es ihn wirklich. Jedes Kloster hat diese paradiesische Insel. Aussenstehenden bleibt sie verborgen. Sie ist nur für Insider. Im Türsims des Wallfahrtsklosters in Domodossola findet sich dreimal das Wort ‚Paradiso!‘ eingraviert. Was hinter der Tür sich verbirgt, lässt sich nur erahnen. Das verlorene Paradies als Sehnsuchtsort in einem Garten vorweggenommen, das soll es sein.
Die gewebte Blütenpracht tausender kleine Blumen versinnbildlicht einen mystischen Garten – in Verbindung mit der Jungfrau Maria wird sie zum vielgepriesenen Hortus conclusus.
Les Tapisseries de la Vierge – Stiftskirche Notre-dame in Beaune

Müssiggang, das hatte Benedikt in seiner Regula nicht vorgesehen (RB 48,1). Der Begriff und die geübte Praxis der Rekreation etablierte sich erst im Laufe der Zeit. Die recreatio ist ein fester Bestandteil klösterlichen Lebens. Das ist Zeit, welche die Gemeinschaft gemeinsam im Austausch verbringt, zur Erholung. Die Kartäuser versammeln sich zu gemeinsamen Spaziergängen. Andere Gemeinschaften sitzen abends in einem ihrer Gärten. Weil das den Rest der Welt nichts angeht, bleibt das ein Hortus conclusus.
Traditionelle Heilkräuter und Heilpflanzen im Hortus conclusus
Die Auswahl der Blumen für den Hortus conclusus folgt zwei Mustern. Entweder die Natur als Schöpfung hat freie Hand. Dann kann das auch eine bunte Blumenwiese sein. Oder die Blumen und Pflanzen werden bewusst im Sinne ihrer christlichen Symbolik arrangiert.









