Über die Klostermedizin

Ein Mythos voller Missverständnisse

Belegt die ‚Regula Benedicti‘ die Existenz von Spitälern innerhalb der Klostermauern? Ist der Klosterplan von Sankt Gallen das lang gesuchte Puzzelteil, was die Krankenfürsorge mittelalterlicher Mönche belegt? Hatten alleinig Nonnen und Mönche Kenntnis von den heilenden Kräften der Kräuter und Pflanzen? Wer hatte Zugang zum Heilwissen mittelalterlicher Klostermedizin? Welche Rolle spielten die Krankenpflegeorden? Lag die medizinische Versorgung Kranker allein in den Händen von Nonnen und Mönchen?

„Klostermedizin ist keine Therapierichtung. Sondern eine Epoche der europäischen Medizingeschichte.“

379

Basilius

Grundlage christlichen Mönchstums

4. Jahrhundert

Beginn Missionierung Germaniens

Christliche Klöster entstehen nördlich der Alpen

430

Augustinus

Strukturierung klösterlichen Lebens

535

Benediktusregel

Wahrscheinlich zwischen 500-535

772

Kloster Lorsch

Lorsch wird Reichsabtei

789

Admonitio generalis 

Befehl zur Gründung von Domschulen sowie Schreib- und Leseschulen an Bischofssitzen und Klöstern; Es stärkte die kirchliche Ordnung und Seelsorge.

816–819

Synoden von Aachen

Regula Benedicti zur allgemeingültigen Norm für Mönchs- und Nonnengemeinschaften im Fränkischen Reich erklärt; Unterscheidung des Lebens der Kanoniker; Es verpflichtete die Domherren, Hospitäler für bedürftige Arme errichten zu lassen. Übertragung von institutioneller Verantwortung der Kirche für Kranke und Arme.

Anfang 9. Jahrhundert

Lorscher Arzneibuch

Die Bamberger Staatsbibliothek datiert die Entstehung des Lorscher Arzneibuches auf Anfang des 9. Jahrhunderts.

910

Gründung der Abtei von Cluny

erster Reformorden der Benediktiner

1059

Konzil von Clermont

spricht heilkundliches Praxisverbot für Mönche aus; Papst Urban II. Aufruf zum Kreuzzug

1098

Gründung der Abbaye Citeaux

Entstehung des Zisterzienserordens

1099

Gründung des Hospitals von Jerusalem

Entstehung des Johanniter-Ordens

1130

Drittes Konzil von Tours

spricht Weltgeistlichkeit das Recht zur chirurgischen Betätigung ab; Leichen wurden für unberührbar erklärt

1223

Franziskusregel

Bestätigung der Regel durch Papst Honorius III.

Die Klostermedizin beruht auf vier Elementen

Bei der Klostermedizin sprechen wir über einen Zeitraum von rund 600 Jahren. Ihren Anfang nahm sie im 6. Jahrhundert mit der Etablierung der Benediktusregel und endete um 1130 mit dem Dritten Konzil von Tours. Die bedeutendsten Zeugnisse aus dieser Epoche bewahren die Bibliotheken auf.

Benedikt von Nursia verfasste am Anfang des 6. Jahrhunderts die Mönchsregel, um das Zusammenleben innerhalb der klösterlichen Gemeinschaften zu strukturieren und zu organisieren. Ein Kapitel der Regel verleitet zur Annahme, dass die vornehmliche Aufgabe der Mönche in der Krankenpflege gelegen habe. Lesen Sie hier weiter …

Konnten sich die Klöster im Mittelalter aus wirtschaftlicher Sicht die Versorgung Armer und Kranker leisten? Oder war es ganz anders …

Krankenpflege-Orden widmeten sich ab dem 12. Jahrhundert der Versorgung hilfsbedürftig Erkrankter. Ritter als barmherzige Samariter …

Klosterapotheken waren lange Zeit die stärksten Konkurrenten der in Zünften organisierten Apotheker. Bis auf die Namen sind die meisten von ihnen verschwunden. Waren sie einfach besser …

Ein Mönch besucht einen Adeligen an seinem Sterbebett.
Benediktinermönche im Kreuzgang der Kathedrale zu Utrecht.

Exkurs zur Wirtschaftskraft der Klöster

Mit dem Edikt des Konzils von Clermont 1130 wurde Mönchen und Kanonikern die erwerbsmässige Ausübung der Heilkunde untersagt. In Folge kam es zu zahlreichen Gründungen christlicher Hospitalorden, Laienbruderschaften, Begardengruppen. Versteckt sich hinter dem Verbot, dass die heilkundigen Mönche gar nicht so selbstlos handelten, wie man es von ihnen erwarten sollte?

Sterben war im Mittelalter wahrscheinlicher als Genesung. Gelang die Linderung eines Leidens, war schon viel gewonnen. Oftmals war es nur ein Zeitgewinn, der das Spenden der heiligen Sakramente vor dem Ableben ermöglichte. Wer sich Dank seiner finanzieller Mittel eine medizinische Behandlung leisten konnte, der bekam sie. Ganz gleich ob in Städten nach dem Arzte gerufen wurde, oder Fürsten heilkundige Mönche einbestellten. Gelang die Heilung, gab es reichlich Lohn. Wenn nicht, blieb die geistliche Begleitung ins Jenseits als Betätigunsfeld. Wer beides in sich zu vereinen wusste, konnte sich seiner Entlohnung sicher sein.

Wie einträglich das professionalisierte Totengedenken für Klöster war, zeigte der phänomenale Aufstieg der Benediktiner-Abtei von Cluny. Daneben verdankt eine Vielzahl von Klöstern ihre Gründung dem Versprechen eines ewigen Totengedenkens und Gebets für ihre Stifter. Ihr lukratives Geschäftsmodell finanzierte die Clunazienser nicht nur sich selbst, sondern wiederum auch eine umfassende Armenspeisung. Weil diese Art der Umverteilung im Laufe der Jahre nicht nivelliert wurde, geriet die damals grösste Abtei in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die letztendlich auch zu ihrem Niedergang beitrugen.

Ein wesentlicher Bestandteil benediktinischen Lebens ist die Gastfreundschaft, mit der Verpflichtung sich um Fremde und Pilger zu kümmern. Wer auf Pilgerfahrt war, sollte bei einem Kloster unterkommen können. Dementsprechend hat laut der Regula Benedicti die Gemeinschaft darauf vorbereitet zu sein und Vorkehrungen zu treffen. So entstanden die Pilger-Hospize. Die Ausstattung von Klöstern mit Land, Gut und Besitz richtete sich in der Regel nach der Grösse eines Klosters, was dann auch die Bewerkstelligung seiner Aufgaben, eben auch die Bewirtung seiner Gäste ermöglichte. Im Falle von Reisenden und Pilgern ist es bis heute Tradition, dass sie für die Beherbergung einen Obulus entrichten, Kranke länger bleiben und versorgt werden. Das muss kein Zuschussgeschäft sein.

Die Gründe für das Betreiben von Hospizen und Hospitälern in Städten und an Marktplätzen liegen vordringlich in der Förderung der Wirtschaftskraft am Standort. Durchaus gewinnbringend war das auch für die Klöster. Reisende, Pilger und Händler wählten ihre Routen anhand der Sicherheit, den Handelsmöglichkeiten und Versorgungsmöglichkeiten vor Ort. Den Wohlstand der Abbaye Mont-Saint-Michel beispielsweise garantierte allein das Offenhalten der Handelswege, trotz der zahlreichen Konflikte um die Bretagne. Der Besucherstrom um die Wallfahrten sicherte ihre Einkünfte und den Wohlstand. Im Orient gehörte die Versorgung Kranker und verwundeter Reisender zum Stammreportier einer jeden bedeutenden Karawanserei. Was zu vermehrten Besucherströmen führte, liess die Wirtschaft durch stetige und wachsende Einkünfte prosperieren. Im Falle der christlichen Hospize und Spitäler waren es meist profane Stifter, welche Ihre Gründungen veranlassten und einen wirtschaftlichen Rahmen schufen. So auch im Falle des berühmten Nürnberger Heilig-Geist-Spitals. Christlich geprägt waren sie alle. Eine Heilung ohne das Mitwirken des Heiligen Geistes bzw. der Heiligen Dreieinigkeit war faktisch unmöglich. Für Pilger, Reisende und Händler stellte ihr Vorhandensein eine attraktive Risikominimierung auf ihren Routen dar. Im Falle von Erkrankungen, Unfällen oder anderen Unglücken, bestand für sie die Chance einer Versorgung und im Todesfall die geistliche Begleitung auf dem Weg ins Jenseitige. Bei ausbleibenden Heilerfolg wurde an Ort und Stelle für das Seelenheil des Verstorbenen gebetet. Das war meist gewinnbringender als die Pflege der Kranken. Fürs Seelenheil wurde so manches Vermögen gestiftet oder den Hospitälern vererbt. 

Krankenpflege per se ist ein defizitäres Geschäft. Das war schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Einige namhafte Klöster versuchten sich in der profesionellen Versorgung Kranker und scheiterten daran. Die Irren von Saint-Paul-de-Mausolee konnten letztendlich nur mit Hilfe der öffentlichen Hand versorgt werden. Immer wieder widmeten sich monastische Orden der Krankenpflege und verhoben sich daran. Die wirtschaftliche Grundlage der Klöster gab das einfach nicht her. Das caritative Werk der Heiligen Elisabeth von Eisenach verzehrte alle Mittel. Ihr vielbeachtetes Hospiz konnte nur wenige Jahre bestehen.

Wesentlich einträglicher als die Krankenstuben waren die Scriptorien der Klöster. Mit dem Kopieren von Büchern liess sich ein echter Mehrwert für die Klöster produzieren. Für die Fertigung dieser Bücher gab es regelrecht Bestellungen von Fürsten- und Herrschaftshäusern. Sie wurden getauscht, verliehen und verkauft. Prächtig verzierte Bücher dienten zu Repräsentationszwecken. Ihre Käufer nutzten sie in vielen Fällen als prachtvolle Geschenke um den Empfänger zu beeindrucken. Von Interesse für die kopierenden Mönche waren neben theologischen Abschriften die heilkundlichen Texte aus der griechisch-römischen Antike und dem Orient. Deren Übersetzung und Sammlung gelang in den Schreibstuben der Klöster. Damit transferierten sie Stück für Stück Wissen aus der Antike in die Neuzeit und ergänzten es mit neuerworbenen Erkenntnissen, unter anderem der Kräuterheilkunde. Zwischen den Klöstern bestand ein wenn auch nicht regelmässiger Austausch mittels dieser Schriften.

Benediktinermönch arbeitet im Scriptorium an einem reich verzierten Buch.
Blick in den Armensaal des Hospiz Hotel de Dieu in Beaune.
Waschschüssel, Krug und Becher am Krankenbett in der Ausführung als Zinngeschirr.
Krankensaal im historischen Hopital de Beaune.

Die Rolle der Krankenpflege-Orden

Eine noble Vorstellung ist, dass Ritter für die Hilflosesten der Gesellschaft, die Kranken, Verletzten und Armen einstehen. Als Papst Urban II. im Jahre 1095 zu Kreuzzügen ins Heilige Land aufrief, war er sich über die Folgen offensichtlich nicht im Klaren. Krieg anzetteln ist eine schnelle Sache. Nach den Schlachten die Krieger wieder in den Frieden einzubinden, das war schon von jeher eine Herausforderung. Den alten Kriegern, die sich bereits mit päpstlichen Segen in Orden organisiert hatten, wurden neue Aufgaben zugeteilt. Für sie galten Mönchsregeln, wie Gehorsam, Besitzlosigkeit und die Einhaltung von Tagesgebeten und Messfeiern. Wenn es schon keine Schlachten mehr zu schlagen galt, sollten sie die Pilgerwege nach Jerusalem absichern. Nicht nur, dass sich die Pilger über unsicheres Terrain bewegten, auch Krankheiten, Schwäche und Unfälle verhinderten erfolgreiche Pilgerfahrten ins Heilige Land, und das von der Haustür weg. Die von ihnen betriebenen Hospize und Spitäler entwickelten sich zu Stätten der Fürsorge. Ihre Rundumversorgung war aber nicht kostenlos. Das berühmte Pilgerhospital von Jerusalem wurde von einem Orden betrieben. Ein monastischer Orden waren die Johanniter nie. Für die caritativen Zwecke ihres Hospitals sammelten sie Einkünfte aus ihren Einrichtungen quer durch Europa. Die Einkünfte generierten sie mit allem Möglichen nur nicht mit der Krankenpflege. Erst vor rund 200 Jahren wandten sie sich, wie ihr katholischer Ableger die Malteser den mittlerweile einträglichen Geschäftsfeldern im caritativen Bereich und der Pflege zu.

Die wohl spannendste Gruppierung unter den Krankenpflege-Orden sind die Beginen und Begarden. Irrtümlich wird immer wieder behauptet, dass sie in Klöstern lebten. Tatsächlich waren das Beginen-Häuser und -konvente. Diesen lag keine klösterliche Ordnung zugrunde. Noch heute beeindruckt beispielsweise das Gebäudeensemble des Beginenhofs in Brügge. Sie lebten auch nicht in Klausur. Es waren Freiwillige, Frauen und Männer, die sich für ein auf Christus ausgerichtetes Leben in Armut und Keuschheit entschieden, um zugleich Kranke zu pflegen und Sterbende zu begleiten. Sie waren es, die sich in den Hospitälern um die Untergekommenen und Untergebrachten kümmerten, sie pflegten und versorgten, ihnen beistanden. Mit der rasanten Entwicklung der Städte kam es im 13. Jahrhundert zu einer regelrechten Hospitalgründungswelle. Der wachsende Handel schuf Vermögen, das Kaufleute, Adelige und wohlhabende Bürger in Stiftungen von Hospitälern einbringen konnten. Die Motive waren nicht ganz uneigennützig. Meist erhofften sie sich von ihren wohltätigen Werken Gottes Gnade und seinen Beistand. Während die Wohlhabenden die wirtschaftlichen Grundlagen für die Hospitäler schufen, waren Beginen mit ihrer Arbeitskraft die praktisch Ausführenden. „Fromme Frauen“ wurden die Beginen auch genannt. Sie waren kein eigener Orden, konnten sich jedoch Ordenspriester als geistlichen Beistand für ihre Gemeinschaften wählen. Zustimmung und Ablehnung der Beginen wechselten mit den Pontifikaten, abhängig davon, wer gerade das Amt Petrus innehatte. Erste Ansätze der Beginenbewegung soll es bereits im 11. Jahrhundert gegeben haben.

Ausgerechnet mit Schweinefleisch und gutem Brot retteten die Antoniter Leben. Dabei hofften die am Antoniusfeuer Erkrankten auf den Beistand des Heiligen Antonius, die wundersamen Kräfte seiner Reliquien und die Gebete der Antoniterbrüder. Sie alle hatten keine Ahnung, dass das Antoniusfeuer eine Mutterkornvergiftung (Ergotismus) ist, hervorgerufen durch mit Pilzbefall verdorbenem Getreide. Die Betroffenen litten unter brennenden Schmerzen in den Gliedmassen – dem Antoniusfeuer -, hervorgerufen durch die Verengung der Gefässe und letztendlich dem Absterben von Gewebe und Körperteilen (Nekrosen). Muskelkrämpfe, Bewusstseinsstörungen und Hallizunationen begleiteten die konvulsive Form der Mutterkornvergiftung. Die Antoniterbrüder versorgten die Erkrankten und nahmen sich ihrer Schmerzen, Leiden und Verstümmelungen an. Nachweislich war es die Ernährung mit mutterkornfreiem Brot, was die Erkrankten rettete. Um die aufwändige Versorgung und Pflege der Kranken finanzieren zu können, sammelten die Antoniterbrüder landauf landein Almosen ein. Sie waren ein Bettelorden, wurden 1095 als Laienbruderschaft in Südfrankreich gegründet und orientierten sich an der Augustinerrregel (Regula sancti Augustini). Durch eine Schenkung war der Antoniterorden in den Besitz der Gebeine des Mönchsvaters Antonius gelangt, was wohl zur Namensgebung beitrug. Die Erinnerung an ihre mehr als 370 Spitäler halten vielerorts Namen von Plätzen und Strassen wach. In Köln ist es die Antoniterkirche, die einst zu ihrem Kloster gehörte. 

Scale-and-Scope des Klosterlebens

Die Klosterapotheke

Bei der Versorgung mit Pflege-und Heilmittel konnten viele Klöster auf eigene Ressourcen setzen. Wertvolles Wissen war meist in den Bibliotheken gebündelt. Eigene Gärten lieferten die Grundstoffe für die Herstellung von Salben, Tinkturen, Pillen und anderen Präparaten. Es liegt in der Logik der Geschichte, dass Benötigtes nicht zur Genüge vorhanden und anderes im Überfluss da ist. Krankheiten richten sich nicht nach Apothekenbeständen. Klöster als wirtschaftliche Einrichtungen etablierten dementsprechend eine gezielte Lagerhaltung und definierten Beständen. Die freien und nicht genutzten Bestände liessen sich durch die Abgabe von Medikamenten an die Armen und die Bevölkerung über die Klosterapotheke wirtschaftlich sinnvoll nutzen. Der Nutzen war doppelt. Einerseits generierte der Verkauf von Drogen und Präparaten direkten Einkünfte für das Kloster. Andererseits wurden die Arzneien für eine breite Bevölkerungsgruppe verfügbar. Die Kunden der Klosterapotheke konnten sich die langen Wege in die Städte sparen. Dass sie zudem im Preis günstiger waren als die städtischen Apotheken, darüber klagten die Apothekenzünfte mehr als einmal. Legendär sind die Klagen venezianischer Apotheker gegen die Abbazzia di Praglia, was letztendlich das Verbot ihrer Apotheke zur Folge hatte. Effekte einer verbesserten Verfügbarkeit von Medikamenten zeigten sich offenbar in einer gesunderen Bevölkerung, zugleich zu einer vergleichsweise höheren Produktivität führte, die einen steigenden Wohlstand nach sich zog..

Darüber hinaus folgten die Klosterapotheken dem Gebot der Gewinnminimierung. Laut Benediktusregel (RB 57, 7) sollten die Arzneien so billig wie möglich verkauft werden. Das erklärt die Attraktivität der Klosterapotheken für die Bevölkerung. Stimmt die Qualität der Drogen und Präparate war der Streit mit den Vertretern der weltlichen Apothekerzunft vorprogrammiert. Wie bei jedem Discounter konnten über die Menge geringe Margen ausgeglichen werden. Bei Herstellung und Produktion konnten die Klosterapotheken mit steigenden Output Prozesse verbessern, optimieren, was zu sinkenden Kosten führte. Zudem liess sich anhand von Beobachtungen und Erfahrungen die Rezepturen verbessern und angleichen. Das geht am besten bei einem großen Kundenkreis und hoher Kauffrequenz. Hier konnten die Klöster punkten und sorgten auch für einen beachtlichen Wissenszuwachs, der aber meist in den Klöstern und ihren Bibliotheken verblieb. Eine Apothekerausbildung für Mönche gab es nicht. Sie handelten ausserhalb der Zünfte. Wenn es einen Austausch zwischen den Klöstern gab, dann erfolgte er mittels Bücher und auch exotischen Zutaten. Traditionelles Heilwissen aus der Volksmedizin erreichte die Klöster meist mit der Aufnahme von Novizen. Ihr mitgebrachtes Wissen und Kenntnisse aus ihrem familiären Umfeld ergänzten das Vorhandene und setzte immer wieder neue Impulse. Das ist bis heute so. Emeritierte Äbte berichten, wie Eindrücke aus Kindheitstagen ihr heilkundliches Wirken beeinflussen und zum Schreiben von Büchern anregen.

Mit dem Erblühen der chemischen Pharmazie schwand die Bedeutung der Klosterapotheken stetig. Ihre traditionellen Arzneien hergestellt aus Kräutern, Pflanzen und anderen Drogen wurden abgelöst von streng dosierten, standardisierten und schnell wirksamen Medikamenten. Die moderne Pharmazie löste in den Apotheken die alte Pflanzenheilkunde ab. Der Verkauf der Medikamente wurde reglementiert und durfte fortan nur noch durch approbierte Apotheker erfolgen. In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrtausends kam für die meisten Klosterapotheken das Aus. Einige Klosterapotheken bestehen noch heute, weil Apotheker sie übernahmen und zu Teilen ihre Tradition fortsetzen wie im Stift Admont.

Benediktinermönche arbeiten in einer mittelalterlichen Klosterapotheke und stellen Pulver, Salben und Elixiere her.
Benediktinermönche beraten über einen Bauplan in einer Klosterbibliothek.

Was beweist der Sankt Gallener Klosterplan?

Im St. Gallener Klosterplan sehen viele Historiker das lange gesuchte Puzzleteil, das den Blick auf die vermeintliche Klostermedizin komplettieren sollte. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Pergament in der St. Gallener Klosterbibliothek um die mittelalterliche Variante einer Power-Point Präsentation, in der erklärt und veranschaulicht wird, was Benedictus mit seiner Regula im Sinn hatte. Anhand dieses Schaubildes lässt sich alles räumlich und figürlich zuordnen, was die Benediktsregel vorschreibt. Das betrifft auch alle anderen Bereiche innerhalb des Klosters, nicht nur die Infirmerie und den Garten. Bezweifelt werden darf, dass der St. Gallener Klosterplan überhaupt Einfluss auf die Entwicklung, Entstehung und baulichen Vorgaben beim Bau und der Ausstattung von Klöstern hatte. Dazu wäre eine weiteren Verbreitung von Kopien dieses Plans vonnöten gewesen. Ebensolche Kopien des Klosterplans sind ausserhalb von Sankt Gallen oder Reichenau bisher noch nicht aufgetaucht oder entdeckt worden. Auch die mittlerweile diskutierte Theorie, dass es sich beim St. Gallener Klosterplan selbst um eine Kopie handeln könnte, beweist seinen Einfluss nicht.

Quellen:

einfach leben einfach leben 2013, Heft 5, S. 6-7, Verlag Herder Freiburg

kloster-lorsch.de Geschichte & Bedeutung, 14.10.2026

https://www.lagis-hessen.de/de/glossary/index/sn/kl; gelesen 07.10.2026

https://www.herder.de/staatslexikon/artikel/orden; gelesen 06.10.2026

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Antoniter; 20.10.2026

Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner; Enzyklopädie der Medizingeschichte, Walter de Gruyter, Berlin 2005.

Burridge C.; Carolingian Medical Knowledge and Practice, c.775-900: New Approaches to Recipe Literature [Internet]. Leiden, Boston (US): Brill; 2024 Jul. PMID: 39495869.

Eckart, U. W.; Illustrierte Geschichte der Medizin, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2011.

Jankrift, K. P.; Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005.