Ein Mythos voller Missverständnisse
Belegt die ‚Regula Benedicti‘ die Existenz von Spitälern innerhalb der Klostermauern? Ist der Klosterplan von Sankt Gallen das lang gesuchte Puzzelteil, was die Krankenfürsorge mittelalterlicher Mönche belegt? Hatten alleinig Nonnen und Mönche Kenntnis von den heilenden Kräften der Kräuter und Pflanzen? Wer hatte Zugang zum Heilwissen mittelalterlicher Klostermedizin? Welche Rolle spielten die Krankenpflegeorden? Lag die medizinische Versorgung Kranker allein in den Händen von Nonnen und Mönchen?
Nach allem was wir heute wissen, handelt es sich bei der viel besprochenen Klostermedizin um einen Mythos. Er spiegelt den Wunsch nach einer Erinnerung an sogenannte gute alte Zeiten oder die Idee des goldenen Mittelalters wieder. Weder die Umstände noch die historischen Zeugnisse begründen diese romantische Illusion. Es ist schwierig die Klostermedizin als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu sehen. Ihr Beitrag für den Wissenszuwachs über die Zeiten ist zwar unbestritten, führte aber zu keinen bahnbrechenden neuen wissenschaftlichen medizinischen Erkenntnissen. Aus ärztlicher und pflegerischer Sicht stellt sie keine eigenständige Heilform oder Praxis dar. Daher scheint die Klostermedizin eher dem Ausdruck des Wunsches nach einer sanften dem Menschen zugewandten Heilkunde verbunden mit spirituellen Elementen und Zuwendungen, als einer tatsächlich praktizierten Heilform zu entsprechen.
„Klostermedizin ist keine Therapierichtung. Sondern eine Epoche der europäischen Medizingeschichte.“
Tobias Niedenthal
Der besondere Beitrag von Klöstern in der Geschichte der allgemeinen Krankenversorgung lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht beweisen. Die Geschichte hat viele Spuren verwischt oder ausgelöscht. Vielmehr kamen die Impulse dafür aus anderen Richtungen und gesellschaftlichen Bereichen. Sie waren meist profanen Ursprungs verbunden mit einer zutiefst christlichen Motivation. Weiterentwicklungen und Verbesserungen bestehender Heilmethoden, die wir Klöstern und ihrer Krankenversorgung verdanken, sind nicht belegt. Die Fortschritte in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung sind eher den Krankenpflegeorden zuzurechnen als den Klöstern selbst. Sie spendeten den Armen und Bedürftigen vornehmlich Almosen und Trost. Was die Rolle christlicher Klöster bei der Bewahrung und für den Wissenstransfer antiker Heilkunde in die Neuzeit des Abendlandes betrifft, die herausragenden Leistungen in den Scriptorien und Bibliotheken sind und bleiben unbestritten.
Die Klostermedizin beruht auf vier Elementen
Bei der Klostermedizin sprechen wir über einen Zeitraum von rund 600 Jahren. Ihren Anfang nahm sie im 6. Jahrhundert mit der Etablierung der Benediktusregel und endete um 1130 mit dem Dritten Konzil von Tours. Die bedeutendsten Zeugnisse aus dieser Epoche bewahren die Bibliotheken auf.
Benedikt von Nursia verfasste am Anfang des 6. Jahrhunderts die Mönchsregel, um das Zusammenleben innerhalb der klösterlichen Gemeinschaften zu strukturieren und zu organisieren. Ein Kapitel der Regel verleitet zur Annahme, dass die vornehmliche Aufgabe der Mönche in der Krankenpflege gelegen habe. Lesen Sie hier weiter …
Konnten sich die Klöster im Mittelalter aus wirtschaftlicher Sicht die Versorgung Armer und Kranker leisten? Oder war es ganz anders …
Krankenpflege-Orden widmeten sich ab dem 12. Jahrhundert der Versorgung hilfsbedürftig Erkrankter. Ritter als barmherzige Samariter …
Klosterapotheken waren lange Zeit die stärksten Konkurrenten der in Zünften organisierten Apotheker. Bis auf die Namen sind die meisten von ihnen verschwunden. Waren sie einfach besser …



Was besagt die Benediktus-Regel?
Eine oberflächliche Interpretation der Benediktusregel verführt zu Missverständnissen. Das Revolutionäre an der Benediktusregel (RB 36) ist die Idee, dass eine soziale Gemeinschaft Kapazitäten für die Versorgung von Kranken, Alten und Siechen vorhält. Die Regula Benedicti, Kapitel 36, trägt die Überschrift ‚De infirmis fratribus‘, also „Über die kranken Brüder“. Damit sind die Adressaten der Regel klar benannt. Der heilige Benedikt schrieb eindeutig ‚die kranken Brüder‘ in seine Regel, die es zu versorgen gelte. Mit Brüdern meint er die dem Kloster zugehörigen Mönche – in den nach der benediktinischen Regel lebenden Nonnenklöster sind es demnach die Schwestern. Sie ist kein Aufruf zur Krankenpflege im Allgemeinen.
Die Regula Benedicti klärt und schreibt fest, wie das Zusammenleben in den Klöstern zu organisieren, strukturieren und zu gestalten sei. Die Brüder sind die Adressaten und der Geltungsbereich der Regula Benedicti beschränkt sich alleinig auf den Wirkungsbereich eines Klosters. Aus dem Verwaltungsrecht kennen wir die Unterscheidung zwischen der Binnen- und Aussenwirkung von Gesetzen, Erlassen, Verdikten und anderen Regelwerken. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Benediktusregel. Selbst wenn wir einzelne Regelungen für Institutionen, Behörden oder anderen Verwaltungseinrichtungen auch ausserhalb ihrer Bestimmung als sinnvoll betrachten, anwendbar sind sie nur innerhalb ihres Geltungsbereiches. Das nennt man die Binnenwirkung. Wenn Regelungen und Gesetze auch Auswirkungen auf die Beziehungen und Verhältnisse ausserhalb des definierten Geltungsbereiches haben, spricht man von deren Aussenwirkung. Die Benediktusregel besitzt in erster Linie eine Binnenwirkung. Sie richtet sich an die geschlossene Gemeinschaft eines Klosters, das die Regula Benedicti zur Ordensregel hat. Damit regelt sie die Belange der Mitglieder der monastischen Gemeinschaft untereinander.
Darunter zählt die Sorge um die Alten und Kranken. Dass die kranken Brüder – und Schwestern gleichermassen – in einer Infirmarie des Klosters gepflegt werden sollen, ist in der RB 36 festgelegt. Die Infirmerie ist die Krankenpflegestation des Klosters innerhalb der Klausur. Weiter mahnte Benediktus in seiner Regel zu einer umfassenden Versorgung der alten und kranken Mönche bzw. Schwestern. Sie soll ein Christusdienst sein, der von Barmherzigkeit und Nächstenliebe zeugt. Er lässt keine Unterscheidung bei der Versorgung im Krankheitsfall zu, und spricht sie von einer Abhängigkeit des für die Gemeinschaft geleisteten Anteils los. Er verneint damit auch von vornherein Überlegungen zur Unterscheidung von lebenswerten und nichtlebenswerten Lebens. Das stellt durchaus einen kulturellen Bruch mit Traditionen und zugleich eine radikalen Ausrichtung auf die Verkündigung Christus’ dar.
Dem Abt des Klosters kommt dabei eine besondere Rolle zu. Er trägt die Verantwortung für Pflege der kranken Brüder (RB 36, 6). Ein bemerkenswertes Beispiel beinhalten alte Tätigkeitsberichte (Gesta) der Abbaye de Fontenelle. Ihr Abt Ansegisus (ca. 770-ca. 833) stellte jährlich ein Pfund Silber für dem Ankauf von Honig, Gewürzen und Pigmenta (wahrscheinlich mineralische Stoffe) zur Behandlung kranker Mönche bereit.
Allein der Beleg für eine organisierte Krankenpflege innerhalb der Klostermauern ist jedoch kein Beweis für das Vorhandensein von öffentlich zugänglichen Gesundheitsversorgung im Binnenraum von Klöstern. Es fehlen die Beweise. Auch wenn das meiste im Laufe der Geschichte verloren ging, doch weder in Fulda, noch Corbie, auch nicht in Saint-Riquier finden sich Spuren einer solchen Einrichtung. Formal kontrastiert die Idee eines Hospitals innerhalb des Klosters mit dem Klausurgebot. Selbst aufgenommene Pilger waren räumlich von den Mönchen getrennt. Hingegen sind die Spuren und Zeugnisse des Vorhandenseins von Spitälern und Hospizen im Umfeld von Klöstern bis heute nachvollziehbar. Wenn Klöster und Orden sich der Armen und Kranken in ihrem Umfeld annahmen und das bis heute tun, liegt ihre Motivation in der christlichen Nächstenliebe begründet. Die Versorgung und Pflege Kranker in Hospitälern und Hospizen ausserhalb von Klöstern der Benediktusregel (RB 36) zuzuschreiben, ist so nicht richtig.
Exkurs zur Wirtschaftskraft der Klöster
Mit dem Edikt des Konzils von Clermont 1130 wurde Mönchen und Kanonikern die erwerbsmässige Ausübung der Heilkunde untersagt. In Folge kam es zu zahlreichen Gründungen christlicher Hospitalorden, Laienbruderschaften, Begardengruppen. Versteckt sich hinter dem Verbot, dass die heilkundigen Mönche gar nicht so selbstlos handelten, wie man es von ihnen erwarten sollte?
Sterben war im Mittelalter wahrscheinlicher als Genesung. Gelang die Linderung eines Leidens, war schon viel gewonnen. Oftmals war es nur ein Zeitgewinn, der das Spenden der heiligen Sakramente vor dem Ableben ermöglichte. Wer sich Dank seiner finanzieller Mittel eine medizinische Behandlung leisten konnte, der bekam sie. Ganz gleich ob in Städten nach dem Arzte gerufen wurde, oder Fürsten heilkundige Mönche einbestellten. Gelang die Heilung, gab es reichlich Lohn. Wenn nicht, blieb die geistliche Begleitung ins Jenseits als Betätigunsfeld. Wer beides in sich zu vereinen wusste, konnte sich seiner Entlohnung sicher sein.
Wie einträglich das professionalisierte Totengedenken für Klöster war, zeigte der phänomenale Aufstieg der Benediktiner-Abtei von Cluny. Daneben verdankt eine Vielzahl von Klöstern ihre Gründung dem Versprechen eines ewigen Totengedenkens und Gebets für ihre Stifter. Ihr lukratives Geschäftsmodell finanzierte die Clunazienser nicht nur sich selbst, sondern wiederum auch eine umfassende Armenspeisung. Weil diese Art der Umverteilung im Laufe der Jahre nicht nivelliert wurde, geriet die damals grösste Abtei in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die letztendlich auch zu ihrem Niedergang beitrugen.
„Vor allem bei der Aufnahme von Armen und Pilgern zeige man Eifer und Sorge, denn besonders in ihnen wird Christus aufgenommen. Das Auftreten der Reichen verschafft ja von selbst Achtung.“
Regula Benedicti 53,15
Ein wesentlicher Bestandteil benediktinischen Lebens ist die Gastfreundschaft, mit der Verpflichtung sich um Fremde und Pilger zu kümmern. Wer auf Pilgerfahrt war, sollte bei einem Kloster unterkommen können. Dementsprechend hat laut der Regula Benedicti die Gemeinschaft darauf vorbereitet zu sein und Vorkehrungen zu treffen. So entstanden die Pilger-Hospize. Die Ausstattung von Klöstern mit Land, Gut und Besitz richtete sich in der Regel nach der Grösse eines Klosters, was dann auch die Bewerkstelligung seiner Aufgaben, eben auch die Bewirtung seiner Gäste ermöglichte. Im Falle von Reisenden und Pilgern ist es bis heute Tradition, dass sie für die Beherbergung einen Obulus entrichten, Kranke länger bleiben und versorgt werden. Das muss kein Zuschussgeschäft sein.
Die Gründe für das Betreiben von Hospizen und Hospitälern in Städten und an Marktplätzen liegen vordringlich in der Förderung der Wirtschaftskraft am Standort. Durchaus gewinnbringend war das auch für die Klöster. Reisende, Pilger und Händler wählten ihre Routen anhand der Sicherheit, den Handelsmöglichkeiten und Versorgungsmöglichkeiten vor Ort. Den Wohlstand der Abbaye Mont-Saint-Michel beispielsweise garantierte allein das Offenhalten der Handelswege, trotz der zahlreichen Konflikte um die Bretagne. Der Besucherstrom um die Wallfahrten sicherte ihre Einkünfte und den Wohlstand. Im Orient gehörte die Versorgung Kranker und verwundeter Reisender zum Stammreportier einer jeden bedeutenden Karawanserei. Was zu vermehrten Besucherströmen führte, liess die Wirtschaft durch stetige und wachsende Einkünfte prosperieren. Im Falle der christlichen Hospize und Spitäler waren es meist profane Stifter, welche Ihre Gründungen veranlassten und einen wirtschaftlichen Rahmen schufen. So auch im Falle des berühmten Nürnberger Heilig-Geist-Spitals. Christlich geprägt waren sie alle. Eine Heilung ohne das Mitwirken des Heiligen Geistes bzw. der Heiligen Dreieinigkeit war faktisch unmöglich. Für Pilger, Reisende und Händler stellte ihr Vorhandensein eine attraktive Risikominimierung auf ihren Routen dar. Im Falle von Erkrankungen, Unfällen oder anderen Unglücken, bestand für sie die Chance einer Versorgung und im Todesfall die geistliche Begleitung auf dem Weg ins Jenseitige. Bei ausbleibenden Heilerfolg wurde an Ort und Stelle für das Seelenheil des Verstorbenen gebetet. Das war meist gewinnbringender als die Pflege der Kranken. Fürs Seelenheil wurde so manches Vermögen gestiftet oder den Hospitälern vererbt.
Krankenpflege per se ist ein defizitäres Geschäft. Das war schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Einige namhafte Klöster versuchten sich in der profesionellen Versorgung Kranker und scheiterten daran. Die Irren von Saint-Paul-de-Mausolee konnten letztendlich nur mit Hilfe der öffentlichen Hand versorgt werden. Immer wieder widmeten sich monastische Orden der Krankenpflege und verhoben sich daran. Die wirtschaftliche Grundlage der Klöster gab das einfach nicht her. Das caritative Werk der Heiligen Elisabeth von Eisenach verzehrte alle Mittel. Ihr vielbeachtetes Hospiz konnte nur wenige Jahre bestehen.
Wesentlich einträglicher als die Krankenstuben waren die Scriptorien der Klöster. Mit dem Kopieren von Büchern liess sich ein echter Mehrwert für die Klöster produzieren. Für die Fertigung dieser Bücher gab es regelrecht Bestellungen von Fürsten- und Herrschaftshäusern. Sie wurden getauscht, verliehen und verkauft. Prächtig verzierte Bücher dienten zu Repräsentationszwecken. Ihre Käufer nutzten sie in vielen Fällen als prachtvolle Geschenke um den Empfänger zu beeindrucken. Von Interesse für die kopierenden Mönche waren neben theologischen Abschriften die heilkundlichen Texte aus der griechisch-römischen Antike und dem Orient. Deren Übersetzung und Sammlung gelang in den Schreibstuben der Klöster. Damit transferierten sie Stück für Stück Wissen aus der Antike in die Neuzeit und ergänzten es mit neuerworbenen Erkenntnissen, unter anderem der Kräuterheilkunde. Zwischen den Klöstern bestand ein wenn auch nicht regelmässiger Austausch mittels dieser Schriften.




Die Rolle der Krankenpflege-Orden
Eine noble Vorstellung ist, dass Ritter für die Hilflosesten der Gesellschaft, die Kranken, Verletzten und Armen einstehen. Als Papst Urban II. im Jahre 1095 zu Kreuzzügen ins Heilige Land aufrief, war er sich über die Folgen offensichtlich nicht im Klaren. Krieg anzetteln ist eine schnelle Sache. Nach den Schlachten die Krieger wieder in den Frieden einzubinden, das war schon von jeher eine Herausforderung. Den alten Kriegern, die sich bereits mit päpstlichen Segen in Orden organisiert hatten, wurden neue Aufgaben zugeteilt. Für sie galten Mönchsregeln, wie Gehorsam, Besitzlosigkeit und die Einhaltung von Tagesgebeten und Messfeiern. Wenn es schon keine Schlachten mehr zu schlagen galt, sollten sie die Pilgerwege nach Jerusalem absichern. Nicht nur, dass sich die Pilger über unsicheres Terrain bewegten, auch Krankheiten, Schwäche und Unfälle verhinderten erfolgreiche Pilgerfahrten ins Heilige Land, und das von der Haustür weg. Die von ihnen betriebenen Hospize und Spitäler entwickelten sich zu Stätten der Fürsorge. Ihre Rundumversorgung war aber nicht kostenlos. Das berühmte Pilgerhospital von Jerusalem wurde von einem Orden betrieben. Ein monastischer Orden waren die Johanniter nie. Für die caritativen Zwecke ihres Hospitals sammelten sie Einkünfte aus ihren Einrichtungen quer durch Europa. Die Einkünfte generierten sie mit allem Möglichen nur nicht mit der Krankenpflege. Erst vor rund 200 Jahren wandten sie sich, wie ihr katholischer Ableger die Malteser den mittlerweile einträglichen Geschäftsfeldern im caritativen Bereich und der Pflege zu.
Die wohl spannendste Gruppierung unter den Krankenpflege-Orden sind die Beginen und Begarden. Irrtümlich wird immer wieder behauptet, dass sie in Klöstern lebten. Tatsächlich waren das Beginen-Häuser und -konvente. Diesen lag keine klösterliche Ordnung zugrunde. Noch heute beeindruckt beispielsweise das Gebäudeensemble des Beginenhofs in Brügge. Sie lebten auch nicht in Klausur. Es waren Freiwillige, Frauen und Männer, die sich für ein auf Christus ausgerichtetes Leben in Armut und Keuschheit entschieden, um zugleich Kranke zu pflegen und Sterbende zu begleiten. Sie waren es, die sich in den Hospitälern um die Untergekommenen und Untergebrachten kümmerten, sie pflegten und versorgten, ihnen beistanden. Mit der rasanten Entwicklung der Städte kam es im 13. Jahrhundert zu einer regelrechten Hospitalgründungswelle. Der wachsende Handel schuf Vermögen, das Kaufleute, Adelige und wohlhabende Bürger in Stiftungen von Hospitälern einbringen konnten. Die Motive waren nicht ganz uneigennützig. Meist erhofften sie sich von ihren wohltätigen Werken Gottes Gnade und seinen Beistand. Während die Wohlhabenden die wirtschaftlichen Grundlagen für die Hospitäler schufen, waren Beginen mit ihrer Arbeitskraft die praktisch Ausführenden. „Fromme Frauen“ wurden die Beginen auch genannt. Sie waren kein eigener Orden, konnten sich jedoch Ordenspriester als geistlichen Beistand für ihre Gemeinschaften wählen. Zustimmung und Ablehnung der Beginen wechselten mit den Pontifikaten, abhängig davon, wer gerade das Amt Petrus innehatte. Erste Ansätze der Beginenbewegung soll es bereits im 11. Jahrhundert gegeben haben.
Ausgerechnet mit Schweinefleisch und gutem Brot retteten die Antoniter Leben. Dabei hofften die am Antoniusfeuer Erkrankten auf den Beistand des Heiligen Antonius, die wundersamen Kräfte seiner Reliquien und die Gebete der Antoniterbrüder. Sie alle hatten keine Ahnung, dass das Antoniusfeuer eine Mutterkornvergiftung (Ergotismus) ist, hervorgerufen durch mit Pilzbefall verdorbenem Getreide. Die Betroffenen litten unter brennenden Schmerzen in den Gliedmassen – dem Antoniusfeuer -, hervorgerufen durch die Verengung der Gefässe und letztendlich dem Absterben von Gewebe und Körperteilen (Nekrosen). Muskelkrämpfe, Bewusstseinsstörungen und Hallizunationen begleiteten die konvulsive Form der Mutterkornvergiftung. Die Antoniterbrüder versorgten die Erkrankten und nahmen sich ihrer Schmerzen, Leiden und Verstümmelungen an. Nachweislich war es die Ernährung mit mutterkornfreiem Brot, was die Erkrankten rettete. Um die aufwändige Versorgung und Pflege der Kranken finanzieren zu können, sammelten die Antoniterbrüder landauf landein Almosen ein. Sie waren ein Bettelorden, wurden 1095 als Laienbruderschaft in Südfrankreich gegründet und orientierten sich an der Augustinerrregel (Regula sancti Augustini). Durch eine Schenkung war der Antoniterorden in den Besitz der Gebeine des Mönchsvaters Antonius gelangt, was wohl zur Namensgebung beitrug. Die Erinnerung an ihre mehr als 370 Spitäler halten vielerorts Namen von Plätzen und Strassen wach. In Köln ist es die Antoniterkirche, die einst zu ihrem Kloster gehörte.
Scale-and-Scope des Klosterlebens
Die Klosterapotheke
Bei der Versorgung mit Pflege-und Heilmittel konnten viele Klöster auf eigene Ressourcen setzen. Wertvolles Wissen war meist in den Bibliotheken gebündelt. Eigene Gärten lieferten die Grundstoffe für die Herstellung von Salben, Tinkturen, Pillen und anderen Präparaten. Es liegt in der Logik der Geschichte, dass Benötigtes nicht zur Genüge vorhanden und anderes im Überfluss da ist. Krankheiten richten sich nicht nach Apothekenbeständen. Klöster als wirtschaftliche Einrichtungen etablierten dementsprechend eine gezielte Lagerhaltung und definierten Beständen. Die freien und nicht genutzten Bestände liessen sich durch die Abgabe von Medikamenten an die Armen und die Bevölkerung über die Klosterapotheke wirtschaftlich sinnvoll nutzen. Der Nutzen war doppelt. Einerseits generierte der Verkauf von Drogen und Präparaten direkten Einkünfte für das Kloster. Andererseits wurden die Arzneien für eine breite Bevölkerungsgruppe verfügbar. Die Kunden der Klosterapotheke konnten sich die langen Wege in die Städte sparen. Dass sie zudem im Preis günstiger waren als die städtischen Apotheken, darüber klagten die Apothekenzünfte mehr als einmal. Legendär sind die Klagen venezianischer Apotheker gegen die Abbazzia di Praglia, was letztendlich das Verbot ihrer Apotheke zur Folge hatte. Effekte einer verbesserten Verfügbarkeit von Medikamenten zeigten sich offenbar in einer gesunderen Bevölkerung, zugleich zu einer vergleichsweise höheren Produktivität führte, die einen steigenden Wohlstand nach sich zog..
„Ein bisschen Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und gerechter.“
Papst Franziskus
Darüber hinaus folgten die Klosterapotheken dem Gebot der Gewinnminimierung. Laut Benediktusregel (RB 57, 7) sollten die Arzneien so billig wie möglich verkauft werden. Das erklärt die Attraktivität der Klosterapotheken für die Bevölkerung. Stimmt die Qualität der Drogen und Präparate war der Streit mit den Vertretern der weltlichen Apothekerzunft vorprogrammiert. Wie bei jedem Discounter konnten über die Menge geringe Margen ausgeglichen werden. Bei Herstellung und Produktion konnten die Klosterapotheken mit steigenden Output Prozesse verbessern, optimieren, was zu sinkenden Kosten führte. Zudem liess sich anhand von Beobachtungen und Erfahrungen die Rezepturen verbessern und angleichen. Das geht am besten bei einem großen Kundenkreis und hoher Kauffrequenz. Hier konnten die Klöster punkten und sorgten auch für einen beachtlichen Wissenszuwachs, der aber meist in den Klöstern und ihren Bibliotheken verblieb. Eine Apothekerausbildung für Mönche gab es nicht. Sie handelten ausserhalb der Zünfte. Wenn es einen Austausch zwischen den Klöstern gab, dann erfolgte er mittels Bücher und auch exotischen Zutaten. Traditionelles Heilwissen aus der Volksmedizin erreichte die Klöster meist mit der Aufnahme von Novizen. Ihr mitgebrachtes Wissen und Kenntnisse aus ihrem familiären Umfeld ergänzten das Vorhandene und setzte immer wieder neue Impulse. Das ist bis heute so. Emeritierte Äbte berichten, wie Eindrücke aus Kindheitstagen ihr heilkundliches Wirken beeinflussen und zum Schreiben von Büchern anregen.
Mit dem Erblühen der chemischen Pharmazie schwand die Bedeutung der Klosterapotheken stetig. Ihre traditionellen Arzneien hergestellt aus Kräutern, Pflanzen und anderen Drogen wurden abgelöst von streng dosierten, standardisierten und schnell wirksamen Medikamenten. Die moderne Pharmazie löste in den Apotheken die alte Pflanzenheilkunde ab. Der Verkauf der Medikamente wurde reglementiert und durfte fortan nur noch durch approbierte Apotheker erfolgen. In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrtausends kam für die meisten Klosterapotheken das Aus. Einige Klosterapotheken bestehen noch heute, weil Apotheker sie übernahmen und zu Teilen ihre Tradition fortsetzen wie im Stift Admont.


Was beweist der Sankt Gallener Klosterplan?
Im St. Gallener Klosterplan sehen viele Historiker das lange gesuchte Puzzleteil, das den Blick auf die vermeintliche Klostermedizin komplettieren sollte. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Pergament in der St. Gallener Klosterbibliothek um die mittelalterliche Variante einer Power-Point Präsentation, in der erklärt und veranschaulicht wird, was Benedictus mit seiner Regula im Sinn hatte. Anhand dieses Schaubildes lässt sich alles räumlich und figürlich zuordnen, was die Benediktsregel vorschreibt. Das betrifft auch alle anderen Bereiche innerhalb des Klosters, nicht nur die Infirmerie und den Garten. Bezweifelt werden darf, dass der St. Gallener Klosterplan überhaupt Einfluss auf die Entwicklung, Entstehung und baulichen Vorgaben beim Bau und der Ausstattung von Klöstern hatte. Dazu wäre eine weiteren Verbreitung von Kopien dieses Plans vonnöten gewesen. Ebensolche Kopien des Klosterplans sind ausserhalb von Sankt Gallen oder Reichenau bisher noch nicht aufgetaucht oder entdeckt worden. Auch die mittlerweile diskutierte Theorie, dass es sich beim St. Gallener Klosterplan selbst um eine Kopie handeln könnte, beweist seinen Einfluss nicht.
Quellen:
einfach leben einfach leben 2013, Heft 5, S. 6-7, Verlag Herder Freiburg
kloster-lorsch.de Geschichte & Bedeutung, 14.10.2026
https://www.lagis-hessen.de/de/glossary/index/sn/kl; gelesen 07.10.2026
https://www.herder.de/staatslexikon/artikel/orden; gelesen 06.10.2026
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Antoniter; 20.10.2026
Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner; Enzyklopädie der Medizingeschichte, Walter de Gruyter, Berlin 2005.
Burridge C.; Carolingian Medical Knowledge and Practice, c.775-900: New Approaches to Recipe Literature [Internet]. Leiden, Boston (US): Brill; 2024 Jul. PMID: 39495869.
Eckart, U. W.; Illustrierte Geschichte der Medizin, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2011.
Jankrift, K. P.; Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005.
