Das Einfügen des eigenen Lebens in die kosmische Ordnung galt als kulturbildende Leistung.
Johannes Gottfried Mayer
Klostergärten sind das Sinnbild unsere inneren Wünsche und Sehnsüchte nach Harmonie, Schönheit, Ruhe und Ausgeglichenheit, Zurückgezogenheit und schlussendlich der heilenden Kräfte der Kräuter. Nur selten stimmt die Realität mit unseren Idealvorstellungen überein. Es sind Wunschbilder. Diese entspringen der uns aller innewohnenden Sehnsucht nach einem Ort, an dem alles heil ist bzw. heil wird. Weil dieser imaginäre Ort in unserem Alltag und den Lebensumständen keinen Platz hat, vermuten wir ihn in alternativen Lebenswelten. Klösterliche Gemeinschaften bieten genau diesen konträren Lebensentwurf verbunden mit einem Heilsansatz. Interessanterweise finden wir nur wenige Klostergärten mit Entsprechungen eben dieser Imaginationen. Meist sind das museal angelegte Gärten auf dem Terrain ehemaliger und aufgelassener Klosteranlagen. Ihre gartenarchitektonischen Konzeptionen zielen auf die Entsprechung der idealisierten Wunschvorstellungen ab. Damit befriedigen sie dann nahezu spiegelgleich unsere stillen Erwartungen. Überraschend facettenreich und vielstimmig bieten die meisten Gärten klösterlicher Gemeinschaften ein völlig anderes Bild.
Die Verteilung der Grundfläche und Anlage eines Kreuzes folgt abendländischen Gestaltungsmustern. Alles Wichtige wird wie zur Orientierung mittig, zentral angeordnet. Ein steinernes Kreuz wie auch ein sprudelnder Brunnen verkörpern an dieser Stelle symbolisch Christus, die Quelle ewigen Lebens. Wo bereits ein Kreuz entstanden ist, sei es durch Zufall oder Absicht, kann das Zeichen des auferstandenen Christus in Gestaltung und Formgebung weitergegeben werden.

Über das Geheimnis des Kreuzgartens
Verborgen vor fremden Blicken grünt und blüht es im Hortus conclusus. Das Verschlossensein des Gartens ist das Kernstück des monastischen Seins. An dieser Stelle gibt es keine Zurschaustellung. Prunk und Schmuck dienen lediglich der Verherrlichung Gottes (Tempeldienst). Es ist ein Ort des letzten Rückzugs, ein Ausdruck der monastischen Wurzel – des Eremit seins. Was verborgen hinter den Mauern des Hortus conclusus wächst, ist und bleibt ein Geheimnis. Es ist kein absolutes Geheimnis, entzieht sich aber der Rechtfertigung der äusseren Welt. Aus dem Hineingehen in den abgeschlossenen Garten ergibt sich eine unmittelbare Beziehung zwischen dem Ich, der Schöpfung und dem Schöpfer.

Was verbirgt sich im verschlossenen Garten?
Der Obstgarten als ist bereits im St. Gallener Klosterplan aufgeführt. Gemeint sind damit in der Regel Gärten mit Obstbaum- oder Streuobstwiesen. Der Bedarf an Obst mag einst gross gewesen sein. Heute ist das Verlangen nach Äpfel, Birnen und Pflaumen rückläufig wie die Zahl der Ordensleute in den Gemeinschaften. Aus Gründen der Überalterung bleibt so manche Ernte an den Bäumen und manche Leiter wird nicht angestellt. Das Ernten und Verarbeiten der Früchte sowie der Erhalt der Obstbäume stellt für eine Reihe von Gemeinschaften eine ernsthafte Belastung dar. Einige klösterliche Obstgärten sind Horte, die alte Obstsorten erhalten und pflegen, die sonst niemand mehr anbaut. Häufig zeigt sich erst Jahre später, dass noch immer ein Bedarf an alten Obstsorten vorhanden ist. Mit dem Bestand von 50 Bäumen konserviert der idyllische Marillengarten des Benediktinerstifts Göttweig die in der Wachau beheimateten Sorten und damit auch ein Stück lokaler Obstanbautradition. Eine Verpachtung an professionelle Obstbauern sichert Klöstern häufig feste Einkünfte und im Garten den Bestand, so wie im Stift Stams. Nicht immer stellt eine Umnutzung der Flächen die beste Lösung dar. Der Klimawandel lässt aus Wiesen schnell Steppen werden.

Die Tradition im Anbau heilkräftiger Kräuter und Pflanzen in den Gärten der Klausuren wurde über die Jahrhunderte weitergereicht, bewahrt und zum Teil auch weiterentwickelt. Noch heute widmen sich klösterliche und spirituelle Gemeinschaften dem Anbau von Heilkräutern und -pflanzen. Wir haben Nonnen und Mönche besucht und geschaut, was alles in ihren Gärten und Beeten gedeiht. Unsere Auswahl hier zeigt die schönsten Gärten intakter Klöster und lebendiger Gemeinschaften: das Beste aus den Klostergärten!

Heilkräfte aus dem Klostergarten
Die Idee eines Küchengartens scheint allein dem Sankt Gallener Klosterplan zu entstammen. In Aufzeichnungen und Plänen von Klostergärten wird er meist nicht erwähnt. Vielfach befand er sich aus Platzgründen ausserhalb der Klostermauern oder wurde häufig in den anderen Gärten subsummiert. Erwähnung findet ein Küchengarten ausgerechnet in den historischen Plänen des längst aufgelassenen Klosters Neuzelle unterhalb seines ausgedehnten Prunkgartens. Sollte er tatsächlich schon immer dort gewesen sein, hatten die Zisterziensermönche stets gute Aussichten aufs Essen. In besagtem Plan ist das Gemüse kunstvoll angeordnet. Es muss eine Augenweide gewesen sein. Einen ganz ähnlichen Eindruck vermittelt heute der barocke Klostergarten im Innenhof der Benediktiner von Engelberg. Bewusst wurde die Formen und Farben von Gemüsen und Kräutern ästhetisch geordnet und arrangiert. Geerntet wird es trotzdem.

Prälatengärten sind in der Regel private Lustgärten in unterschiedlichen Grössen und Ausdehnungen. Sie entstanden in der Zeit des Barocks und waren dem Abt als geistlichen Würdenträger und seinen Gästen allein vorbehalten. Die Prälatengärten sind räumlich vom Konvent abgetrennt, wie die ausserhalb der Klausur gelegenen Prälatur, die Residenz des Abtes mit repräsentativen Amts- und Wohnräumen.

Sinnhaftiges zu Prälatengärten
Der Prior ist in der Regel, der vom Abt eingesetzte Klostervorsteher und sein Stellvertreter. Die Schaffung eines Gartens für den Prior entstammte nicht einem abgeleiteten Erholungsbedürfnis oder seiner Liebe zur Gärtnerei. Vielmehr wurde den Repräsentationswünschen der dem Kloster Vorstehenden entsprochen. Dementsprechend unterschiedlich fällt die Nutzung und Gestaltung der Priorsgärten aus. Waren diese nicht mehr so wichtig, wandelten sich mitunter Priorsgärten von Zier- zu Nutzgärten oder zur Streuobstwiese, auf der Fussball gespielt wurde.

Den Garten, den Besucherinnen und Besucher des Reial Monestir de Poblet garantiert nicht zu Gesicht bekommen, ist der Novizengarten. Er bleibt verschlossen. Die wenigen Bilder, die es von ihm gibt, zeigen einen schönen Garten mit Sträuchern und Blumen. Das Noviziat ist nicht nur eine Zeit der Unterweisung, sondern auch der Prüfungen. In diesem Sinne werden die Novizen zwar in die Gemeinschaft integriert, aber zugleich bleiben sie in den Belangen des Klosters und der Gemeinschaft aussen vor. Die räumliche Trennung von Novizen und Mönchen dient in aller erster Linie dazu, den Tagesablauf der Klostergemeinschaft störungsfrei zu halten. Zudem bieten Gärten wie der Novizengarten Raum und Gelegenheit für Unterweisung und Prüfung. Immerhin verfügte der Heilige Benedikt, dass die Novizen draussen und überall zu beaufsichtigen seien und zur Ordnung angehalten werden müssen (RB 63,19). Klöster sind lebendige Orte. Trotz aller Nachwuchssorgen üben die klösterlichen Gemeinschaften eine ungebrochene Anziehungskraft auf Aussenstehende aus. Manchmal ist es vielleicht einfach auch nur die Neugierde, wie ein Leben gelingen kann ohne all die Aufgeregtheiten der Welt.


Die Klostergärten, die unter dem Gesichtspunkt der Selbstversorgung, aber auch des Arbeitsbeitrages zur klösterlichen Gemeinschaft angelegt wurden, waren die Urgärten des christlichen Abendlandes.
Christina Steinmetzer
Klostergärten sind vor allem Vielfalt. Ihre Ausgestaltungen folgen keinem klaren Muster. Der häufig zitierte St. Gallener Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert kann aus heutiger Sicht lediglich als Blaupause einer idealen Klosterstruktur gesehen werden. Ein Arznei-, ein Küchen- und ein Obstgarten sind darin vorgesehen. Die tatsächliche und vollständige Umsetzung des Gesamtkonzepts hat es bisher nicht gegeben. Wesentlich grösseren Einfluss als der viel gepriesene Plan hatten über die Zeiten Gartenmeister wie der berühmte Walahfrid Strabo (807-849). Sein Wirken hatte offensichtlich Einfluss auf die Entwicklung des klösterlichen Gartenbaus zwischen Fulda und dem Bodensee und weit darüber hinaus. Das mag an der von ihm geschaffenen wunderbaren Lektüre ‚Liber de Cultura hortorum‘ und seinem eindeutigen Praxisbezug gelegen haben. Daneben hatte auch er tüchtige Lehrer wie Abt Grimaldus. Ungenannt bleiben die vielen unbekannten Gartenbaumeister und Gärtner, welche im Laufe der Zeiten die Gärten im Sinne der Klöster und den Interessen ihrer Äbte entwickelten, umgestalteten und bewirtschafteten. Ihre Spuren finden sich in den Entwicklungsgeschichten eines jeden einzelnen Klostergartens. Selten ist es nur der eine Garten, den ein Kloster umgibt. Gärten mit unterschiedlichen Bestimmungszweck bilden die breitgefächerten Bedürfnisse innerhalb monastischer Gemeinschaften ab. Im Zentrum aller Überlegungen zur klösterlichen Gartengestaltung steht das Prinzip einer eigenverantwortlichen wirtschaftlichen Unabhängigkeit, die quasi mit der Benediktusregel (BR 66,6) vorgeschrieben ist.
Mit seinem Regelwerk hatte der Heilige Benedikt von Nursia (ca. 480−547) zwar eine autarken Selbstversorgung monastischer Gemeinschaften im Sinn. Viel wichtiger war ihm, dass sich die Unterscheidung und Abgrenzung zur Welt draussen nicht nur spirituell, geistig, kulturell sondern vor allem auch strukturell vollzieht. Mönche sollen nicht ausserhalb des Klosters herumlaufen (RB 66,7). Einer der Gründe liegt in dem mit den Stundengebeten klar geordneten Tagesverlauf. Arbeiten und Gebet sind im Ablauf eines Tages eng miteinander verwoben. Besonders drückt sich das im Singen von Psalmversen während der Handarbeit aus. Das ist eine bereits durch die Kirchenväter Augustinus und Basilius begründete Tradition. Zeit für Müssiggang ist ausdrücklich nicht vorgesehen (RB 48,1). Daher betonte Benedikt, dass alles Wichtige sich innerhalb der Klostermauern befinden müsse. Dazu zählten selbstverständlich auch ein Garten für das Kloster. Benedikt verwendete in seiner Regula den Singular und nicht den Plural. In diesem Punkt deutet sich bereits die erste Diskrepanz zwischen der Regula und ihrer praktischen Umsetzung an. Wahrscheinlich konnte sich der Heilige Benedikt bei der Formulierung seiner Regel nicht vorstellen, welch grossartige Klosteranlagen mit prächtigen Gärten im Laufe der Jahrhunderte entstehen sollten. Bereits im St. Gallener Klosterplan sind verschiedene Gartenformen benannt. So sind ein Küchengarten (hortus), der Heilkräutergarten (herbularius) und ein Obstgarten (pomarius) im Plan eingezeichnet.
Kulturhistorisch wird das Anlegen und Bewirtschaften von Gärten als eines der fundamentalen Zeichen des Sesshaftwerdens gesehen. Besonders deutlich wird das in der göttlichen Ermahnung seines Volkes Israel im babylonischen Exil: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte (Jeremia 29, 5). Bereits in der Genesis hatte Gott die Bestellung des Gartens durch den Menschen vorbestimmt (Gen. 2,15). In den sparsamen Sätzen deutet sich die Funktion eines Nutzgartens an, der in Schönheit erblüht. Das Leben und Wohnen in Klöstern als ideale Mönchsform ist eines der fundamentalen Forderungen in der Regel des Heiligen Benedikts (RB 4,78). Er stellte sich energisch gegen ein wanderndes und umherziehendes Mönchstum. Mit dem Gelübde der Stabilitas bindet den Mönch bzw. die Nonne sich auf Lebenszeit an die klösterliche Gemeinschaft. Stabilitas loci meint das Bleiben im Kloster. Dass es für viele unter ihnen dann doch anders kommen sollte, ist ein Teil der Tragik und Crux im Laufe der Geschichte. Wirtschaftlichen Krisen, politische und gesellschaftliche Entwicklungen, klimatischen Änderungen, Kriege, Pest, Cholera haben oftmals Mönche und Nonnen zum Aufgeben ihrer Klöster gezwungen. Viele von ihnen wurden in die Flucht getrieben. Es war nicht nur die Reformation, die klösterliche Traditionen in ganzen Landstrichen auslöschte. Selbst katholische Könige und Kaiser nutzten häufig die üppigen Vermögen von Klöstern zum Aufbessern maroder Staatsfinanzen oder zur Befriedigung adliger Günstlinge. Revolutionen und Kriege führten zu Zerstörung und Vertreibung. Auch das ist die Geschichte der Klostergärten. Daher ist die Annahme einer stabilen Entwicklung von Klostergärten oder eines unveränderlichen Musters falsch. Sie ist dem Menschen tief innewohnendem Bedürfnis nach Kontinuität geschuldet. Dabei werden die ebenso beeindruckenden Weiter- und Neuentwicklungen von klösterlichen Gärten und Gartenformen, wie bspw. im Zisterzienserstift Zwettl, als Zeichen der Zeitgeschichte übersehen. Sie bilden in beeindruckender Weise die Entwicklung des Klosters über die Jahrhunderte hinweg ab. Hinzu kommen die Gärten neugegründeter oder wiederbelebter klösterlicher Gemeinschaften. Von ihnen gehen mitunter völlig neue Impulse im Gartenbau und Gartennutzung aus.
Die Gärten monastischer Gemeinschaften sind in der Regel keine Schöpfungen zum Gefallen anderer. Es gab zwar häufig Äbte mit einem ausgeprägten Sinn für prunkvolle Repräsentation. Im Vergleich mit der Vielzahl der Klöster waren das nur wenige. Dafür schufen sie aber herausragende Beispiele klösterlicher Gartenarchitektur, die bis heute unsere Bewunderung verdienen. Klostergärten im eigentlichen Sinne erfüllen einen völlig anderen Zweck, der sich an den Notwendigkeiten der jeweiligen klösterlichen Gemeinschaft orientiert. Abhängig von den klimatischen Bedingungen, regionalen, kulturellen und historischen Gegebenheiten entwickelten sie sich entsprechend den Bedürfnisse innerhalb der Gemeinschaften. So unterscheiden sich bspw. die Gärten der Kartäuser deutlich von denen aller anderen Orden. An Individualität sind die zu den Klausen (Zellen) zugehörigen Gärten nicht zu übertreffen. Hingegen finden wir in den Gärten der Franziskaner häufig eine Verschmelzung von Nutz- und Ziergarten in Verbindung mit sakralen Elementen, das alles in Einem vereint. Bei den Trappisten hingegen scheint die Nutzenoptimierung soweit vorangeschritten, dass wir als Besucher uns bereits über Blumenschmuck in den öffentlichen Bereichen freuen. Klostergärten entsprechen auch den Verlangen nach Abgrenzung und Betonung von Hierarchien innerhalb der Gemeinschaften. Eindrucksvolle Zeugnisse sehen wir in den Prior- und Prälatengärten und der Unterscheidung zwischen Patres- und Fratres-Gärten wie in Engelberg. Selbst die evangelische Klöster haben ihre eigene Gartenkultur: die Damengärtchen.


Stift St. Lambrecht

Europakloster Gut Aich

Stift Kremsmünster

Kloster Fahr

Gartenkunst wiederbelebt im Hofgarten des Stifts Seitenstetten
Gärtnerinnen und Gärtner der Klostergärten
Ohne helfende Hände geht es in keinem Garten. Dass die Mühen Blüten und Früchte hervorbringen ist meist einzelnen, ihren Ideen, ihrer Kraft und ihrer Begeisterungsfähigkeit zu verdanken.

Padre Renato
Contento e Chiesa dei Frati Capuccini, Monterosso; Gemüse, Kräuter und Früchte des Gartens für die Brüder und ihre Gäste.

Sr. Beatrice
Benediktinerinnen-Kloster Fahr; Erhalt alter einheimischer Sorten und die Schönheit des Gartens sind ihr wichtig.

Fr. Gianlucca
Convento Santa Maria dei Frati Capuccini, Bigorio; Gartenbau und Bienenzucht in hohen Lagen zum Erhalt des Konvents.

Sr. Christa
Benediktinerinnenabtei zur Heiligen Maria, Fulda; ökologischer Gartenbau aus Leidenschaft und Überzeugung.
Traditionelle Heilkräuter und Heilpflanzen aus den Klostergärten
Verdauungsprobleme quälten die Menschheit schon immer. Fürs Wohlergehen einer Gemeinschaft galt sowohl gutes Essen und Trinken und eine beschwerdefreie Verdauung. Die typischen Verdauungskräuter finden sich in fast jedem Klostergarten bis heute.




