Foeniculum vulgare
Die erste Berührung mit Fenchel hatten die meisten von uns bereits in den frühen Kindheitstagen. Seine getrockneten Früchte als Tee zubereitet, halfen Bauchschmerzen und quälende Winde auszutreiben. Für Linderung bei reizenden trockenen Husten sorgte er auch. Mittlerweile ist er in Verruf geraten. Sein Inhaltsstoff Estragol ist wahrscheinlich gar nicht so harmlos, wie Generationen von Eltern bisher annahmen, falls sie überhaupt von ihm wussten. Estragol ist im ätherischen Öl der Fenchelfrüchte enthalten, und somit in jedem zubereiteten Tee. Mit dem Bekanntwerden der möglichen Risiken erlebt der traditionelle Fencheltee seine grösste Abwertung in seiner Geschichte. Sein Aufstieg verdankte er seinem Anbau in den Klostergärten. Es waren Mönche des Mittelalters, die seine Samen aus dem Mittelmeerraum mit über die Alpen brachten und ihn in unseren Breiten kultivierten.
"Auch sei der Ruhm des Fenchels nicht verschwiegen, der mit kräftigem Spross emporwächst und die Arme der Zweige weit ausstreckt; ..."
Walahfried Strabo, De Cultura Hortorum

Dreieinigkeit des Fenchels
Fenchel (Feoniculum vulgare) ist wahrscheinlich das älteste und meistgenutzte Heilmittel aus dem Klostergarten. Verdauungsbeschwerden und erkältungsbedingter Husten zählen seit Menschengedenken zu den häufigsten gesundheitlichen Problemen. Gegen sie ist ein Kraut gewachsen. Genau genommen sind es drei. Es wird unterschieden zwischen dem Süssen Fenchel (var. dulce), dem Bitteren oder auch Arzneifenchel (ssp. vulgare, var. vulgare) und dem Knollen- oder Gemüsefenchel (var. azoricum). Der sogenannte Arzneifenchel ist eine zweijährige bis ausdauernde Pflanze, deren reife Spaltfrüchte nach der Ernte getrocknet werden. Sie enthalten 2 bis 6 % ätherisches Öl mit den Hauptinhaltsstoffen trans-Anethol, Fenchon und Estragol.
Küche und Apothekenschrank
Beim Süssen Fenchel (var. dulce) sind wie beim Bitteren auch seine Früchte das Wertvollste. Hierbei ist der Gehalt von Inhaltsstoffen nicht das Ausschlaggebende. Es ist sein leicht süsslicher Geschmack verbunden mit der Anisnote, was ihn zu einem beliebten Gewürz zum Abschmecken von Gebäck, Getränken und Speisen macht. Die Verbreitung der italienischen Küche verhalf auch dem Knollen- oder Gemüsefenchel (var. azoricum) zu wohlverdienter Anerkennung jenseits der Alpen. In mediterranen Ländern sind die würzigen Gemüseknollen fester Bestandteil des alltäglichen Speiseplans. Sowohl roh, gedünstet und auch gekocht kommen die Fenchelknollen auf den Tisch. Im rohen Zustand ist es ein ballaststoffreiches Gemüse mit einem hohen Gehalt an Vitaminen C, A, E, Folsäure und Mineralien. Belegt ist der Anbau von Fenchel in den Kräuter- und den Gemüsegärten der Klöster. Seine Beliebtheit bezeugten bereits Walahfried Strabo und Hildegard von Bingen. Ersterer rühmte den süsslichen Duft seiner Blätter und den Geschmack seiner Zweige.
Trickreiches Gemüse
Wenig bekannt ist eine Eigenschaft des Fenchels, die sich im Italienischen hinter einem Verb verbirgt. „Infinocchiare“, bedeutet so viel wie „täuschen“ oder „reinlegen“. Der Grund dafür liegt in einer speziellen Eigenschaft des Fenchels: Wird er roh verzehrt, verändert sein Aroma die Geschmackswahrnehmung. Insbesondere kann er den Essigstich überdecken, der bei minderwertigem oder schlecht gelagertem Wein auftreten kann. Wollten unlautere Gastwirte in früheren Zeiten ihren Gästen schlechten Wein unterjubeln, servierten sie als Vorspeisen Antipasti auf Fenchelbasis. Das süssliche Aroma des Fenchels überlagerte den Geschmack. Bemerkten die Gäste die Schummelei nicht und tranken den Wein, ohne sich zu beschweren, wurden sie buchstäblich „eingefenchelt“ (infinocchiati).
Fenchel gehörte wohl zu jedem Klostergarten. Wenn er schon nicht als Gemüse genutzt wurde. Dann waren es seine Früchte für den Tee. Beschriftungen alter Schubladen der Klosterapotheken verraten seinen Bedarf und seine Unentbehrlichkeit über die Zeiten hinweg. Sein Anbau ist durchweg professionalisiert und recht anspruchsvoll. Allein der richtige Zeitpunkt der Ernte entscheidet über die Qualität der Droge. Zu frühes oder zu spätes Ernten hat Verluste in der Ausbeute seiner wertvollen ätherischen Öle zur Folge. Bei den Knollen fürs Gemüse verhält es sich weniger zeitkritisch.
Der Weise unterscheidet
Entscheidend beim Anbau von Fenchel ist seine spätere Verwendung. Beim Anbau von Gemüse- und Arzneifenchel gibt es ein paar Besonderheiten zu beachten. Die Gemüsepflanzen benötigen mehr Abstand, und deren Knollen etwas mehr Pflege. Das richtige Überwintern ist beim Arzneifenchel wichtig, denn die Ausbeute bei der Ernte ist im zweiten Jahr grösser als im ersten. Richtig gute Pflegetipps gibt es bei den Benediktinierinnen der Abtei zur Heiligen Maria in Fulda. Sie sind Expertinnen im biologischen Klostergartenbau.


Magister omnisciens
Inhaltsstoffe:
Anethol, Menthol, Fenchon,
Wirkung:
krampflösend, blähungstreibend, sekretolytisch
Standort:
warmer, sonniger Standort mit nährstoffreichen Böden
Quellen:
von Bingen, H.; Heilsame Schöpfung – Die natürliche Wirkkraft der Dinge ‚Physica‘; übersetzt von Ortrun Riha, Beuroner Kunstverlag, 2012.
Strabo, W.; De cultura hortorum, Reclam Verlag, Ditzingen 2013.
Zampieri, M.; La Farmacia nel Chiostro, Abbazia di Praglia, 2018.
https://pflanzen.fnr.de/industriepflanzen/arzneipflanzen/pflanzen-auswahl/bitterer-fenchel, gelesen 18.10.2026
https://www.tlllr.de/www/daten/publikationen/anbautelegramm/at_fenchel.pdf, gelesen 18.10.2026






