Erinnerungen an eine riesige Abtei

Too big to fail. Das waren einst die Erwartungen der Welt an Cluny. Wer Cluny sagte, meinte die mächtige Abtei der Cluniazienser-Mönche im Burgund. Als im Mittelalter gegründeter benediktinischer Reform-Orden sollten sie zu einem der mächtigsten, einflussreichsten und reichsten aufsteigen. 1.400 Filialklöster umfassten das „Cluniazienser-Imperium“ in seiner Blüte im 12. Jahrhundert. Schätzungsweise lebten zu diesem Zeitpunkt wohl bis zu 400 Mönchen in der Abtei zu Cluny. Kein Mensch konnte sich bis dahin vorstellen, dass dieses von Wachstum und Expansion geprägte System endlich ist und an seine Grenzen stösst. Dennoch bewahrten die Abtei von Cluny ihre immense Grösse, ihr unvorstellbarer Reichtum und ihr grenzenloser Einfluss nicht vor dem wirtschaftlichen und spirituellen Abstieg.

Wer bis zur Französischen Revolution Cluny sagte, meinte die einst so mächtige Abtei der Cluniazienser-Mönche im Burgund. Die Erinnerungen an die alte mächtige Abtei leben in ihren Ruinen fort. Die Bewohner Cluny’s haben einen kleinen Garten hinzugefügt. Darin finden sich all die Kräuter, die im Mittelalter wohl den Mönchen und den Menschen im Umland zur Verfügung gestanden haben könnten. Le jardin de simples - ein Garten der einfachen Kräuter, die heilen können.

Echinaceen gab es zur Zeit der Cluniazenser-Mönche noch nicht auf europäischen Boden. Dennoch haben die Freunde des Heilkräutergartens von Cluny sie mit in ihren Garten aufgenommen.
Balsamkraut ist eines der typischen Kräuter eines Heilpflanzengartens besonders der Klostergärten. Kein Wunder, dass es im Heilkräutergarten von Cluny nicht fehlt.
Muskatellersalbei liebte bereits der Gartenmönch Strabo von Reichenau. Wahrscheinlich deshalb haben ihn die Gartenfreunde von Cluny mit in die Beete gepflanzt.

Da half kein Beten und Flehen

Es war nicht die Französische Revolution, die ihr den Niedergang brachte – nur das Ende! Schuld war auch nicht das gigantische Bauprojekt ‚Maioro ecclesia‘. Die Cluniazenser Benediktiner gönnten sich immerhin den grössten Kirchenbau der Welt. Nur der Petersdom in Rom sollte grösser werden. Ausgerechnet die Grundlage eines ihres erfolgreichsten Geschäftsmodelle sollte wesentlich zu ihrem Niedergang beitragen. Das war der Tod.

Der Jardin de Simples befindet sich gegenüber der Portes d'honneur einem der erhaltenen Torbögen der alten Abtei von Cluny.
Der Jardin de Simples befindet sich gegenüber der Portes d’honneur einem der erhaltenen Torbögen der alten Abtei von Cluny.

Eine sichere Einkommensquelle für die Abtei stellte das professionalisierte Totengedenken der Mönche dar. Wer keine Hand frei hatte zum Beten oder es nicht so gut konnte, oder es einfach andere machen lassen wollte, gab das Totengedenken in die Hände der Mönche von Cluny. Aus reiner Dankbarkeit spendeten, vererbten oder widmeten dann die zahlreichen Auftraggeber Teile ihres Vermögens. Neben dem Zufluss von Barmitteln mehrte sich so auch der Besitz an Liegenschaften und trug zum wirtschaftlichen Wohlstand des burgundischen Mutterklosters bei.

Gotische Fenster der ehemaligen Abtei Cluny im Burgund im Abendrot.
Gotische Fenster der ehemaligen Abtei Cluny.
Blick auf die Südfront der ehemaligen Abtei von Cluny.
Blick auf die Südfront der ehemaligen Abtei von Cluny.
Nur der Glockenturm von Eau Bénite ist erhalten. Er war einer von vieren der einstigen Kathedrale Major ecclesia.
Nur der Glockenturm von Eau Bénite ist erhalten.

Saurer Wein und nasses Korn

Gemäss dem Prinzip christlicher Nächstenliebe ‚Caritas‘ entwickelten die Cluniazenser ein Konzept zur Umverteilung eines Teils ihres reichlichen Vermögens an die Armen. So zahlte sich das Sterben der Mönche für die Bedürftigen aus. Die einem Mönch zustehenden Essensrationen wurden nach seinem Ableben 30 Tage lang an Arme und Notleidende verteilt, ebenso an dessen jährlichen Todestag. Wie das Leben so ist: gelebt und gestorben wird immer. Die Anzahl der im Laufe der Jahre verstorbenen Mönche nahm stetig zu. Damit verbunden erhöhte sich stetig das für die Armenspeisung notwendige Budget. Sozialkassen sind meist defizitär. Das bestätigte sich auch im Beispiel der Benediktiner von Cluny. Die wirtschaftliche Schieflage liess nicht lange auf sich warten. Irgendwann kamen dann ein paar lange Winter und nasse Sommer hinzu. Einige weniger ertragreichen Ernten reduzierten die Vorräte. Zum Abmildern des Schwunds fand sich kein Gegenmittel. Schon war das Gesamtbudget erschöpft. Die Mittel reichten weder für die Versorgung der vielen Mönche noch der Bedürftigen. Die wirtschaftliche Situation des Orden-Imperiums war nicht nur desolat. Sie war desaströs. Einmal mehr waren Reformen notwendig und gefragt. Das Konzept der Cluniazenser stand zur Disposition, der Mönchs-Konzern und ihre grandiosen Bauwerke wurden Geschichte.

Info und Anfahrt:

Einst Metropole des Glaubens und heute ein beschauliches Städtchen im Burgund. Die Ruinen der einst mächtigen Benediktinerabtei sind frei zugänglich. Mit dem Bus ist Cluny von Mâcon aus gut zu erreichen.