Niebelungen und Klostermedizin
Grosse braune Schilder an der Autobahn A5 zwischen Darmstadt und Mannheim weisen die Autofahrer auf die Nähe des sagenhaften Klosters Lorsch hin. Ab und zu lassen sich eilige Reisende zu einem kleinen Abstecher hinreissen. Dann stehen sie vor zwei historischen Gebäuden in einem weiten hügeligen Gelände. Ein stolzes prächtiges Kloster finden sie nicht. Die Geschichte hat nur einen Erinnerungsort übrig gelassen. Bereits im 8. Jahrhundert wurde das Kloster Lorsch als Benediktinerabtei gegründet. Bis zum Hochmittelalter etablierte es sich als ein Zentrum geistigen, spirituellen und kulturellen Lebens im mittleren Rheintal. Lediglich das karolingische Torhaus mit seinem markanten Ziegelmuster und ein Kirchenfragment aus dem 11. Jahrhundert sind übrig geblieben. Alles andere ging verloren oder verbirgt sich unter der Erdoberfläche wie der Schatz der Niebelungen.
Lorscher Arzneibuch
Das „Lorscher Arzneibuch“ ist das älteste Zeugnis für eine Klosterheilkunde im deutschsprachigen Raum. Die Benediktiner des Klosters Lorsch verfassten die Sammlung heilkundlicher Rezepte am Anfang des 9. Jahrhunderts. Mit insgesamt 482 Rezepturen ist es ein umfangreiches Werk. Die Arzneien basieren hauptsächlich auf pflanzlichen Grundstoffen. Zu einem griffen die Autoren des „Lorscher Arzneibuches“ auf seit der Antike bekannte Heilwissen zurück. Zum anderen priesen sie eindrücklich das Potenzial einheimischer Heilpflanzen und Kräuter. Zugleich lieferten sie die theologische Begründung, weshalb das Heilen und Lindern von Krankheiten nicht dem Heilplan Gottes widerspricht. Verfasst wurde es in lateinischer Sprache. Das handschriftliche Original hat in der Staatsbibliothek Bamberg einen sicheren Aufbewahrungsort.

Rasen zum Langsamgehen
Die weitläufigen Rasenflächen laden zum Bummeln und Spazieren ein. Wer Genaues wissen will, findet eine Menge im Besucherzentrum. Ein Hauch vom Rätselhaften verströmt der Ort, weil er unter seinen Rasenhügeln, seine Geschichte zu verbergen scheint. Wie Zeugen schauen die Bergketten des nahen Odenwalds auf ihn hinab. Was haben die fernen Hügel nicht alles gesehen? Was könnten sie erzählen? Wie war das mit dem rätselhaften Mittelalter? Das ganze Rheintal ist ein Teil der Geschichte und endlos vieler Geschichten. Ausgerechnet an diesem geschichtsträchtigen Ort scheint die Zeit in Fragmenten konserviert, obwohl sie unzweifelhaft fortgeschritten ist und Neues hervorgebracht hat.



Buch ohne Siegel
Es ist kaum vorstellbar, dass an diesem Ort einmal Mönche gelebt, gearbeitet und gebetet haben. Vielleicht ist es auch schon zu lange her? Immerhin, bereits vor 462 Jahren wurde das Kloster Lorsch aufgehoben. Von klösterlicher Atmosphäre ist nichts mehr spürbar. Die Landschaft wurde umgestaltet, der Rhein in neue Wege geleitet. Einige wenigen Gebäudereste dienen heute als Kulisse für die Darstellung unseres eigenen Seins. Vor ihnen präsentieren wir uns, in unseren Wünsche, Träumen und mit den Erfolgen. Einst stand hier ein Skriptorium, in dem ein Buch entstand, dass die abendländische Heilkunde massgeblich beeinflusste. Die Verfasser der Schriften behandelten keine neuen Erkenntnisse. In ihnen spiegelten sich keine wichtigen Forschungsergebnisse wieder. Die benediktinischen Mönche verwoben tradiertes Wissen und eine volkstümliche Heilkunde mit einem dem Menschen zugewandten theologischen Diskurs. Es entstand ein Produkt aus Erfahrungen, Wissen, Glauben und voller Hoffnung – und beeindruckt bis in unsere Tage.
Der Schatz liegt im Verborgenen
Die historischen Schriften des Klosters Lorsch sind sicher verwahrt in der Bamberger Staatsbibliothek. Der Geist des alten Klosters weht um die wenigen erhaltenen Mauerreste. Den Zauber hat der Ort nie verloren. Bis heute übt das Kloster Lorsch eine Anziehungskraft auf die Menschen aus. Legenden sind rätselhaft und enthalten manchmal ein Körnchen Wahrheit. Wer kann sie entziffern? Zu einer der bekanntesten Legenden zählt die Niebelungensage. Kloster Lorsch kommt auch darin vor. Angeblich soll seine Stiftung auf die Königswitwe Ute zurückgehen. Das ist historisch allerdings nicht richtig, wie wir wissen.

Ein Garten wie ein Buch
Der Kräutergarten des Klosters Lorsch ist eine Reminiszenz an das „Lorscher Arzneibuch“ und den einstmals vorhandenen Klostergarten. Ein wenig abgelegen, hinter der Zehntscheune wachsen all die einheimischen Kräuter, von denen die Mönche in ihrem legendären Rezeptbuch schrieben. Das bunte Stück Land ist eine Mischung zwischen hessischer Streuobstwiese und Bauerngarten. Zwischen den Beeten schlängelt sich ein kleiner Pfad hangaufwärts und ermöglicht das Betrachten der einzelnen Pflanzen. Die Ausschilderung ist perfekt und der Zustand der Pflanzen auch. Die Vielzahl ist beachtlich. Er gleicht einem begehbaren lebendigem Pflanzenbuch.



Info und Anfahrt:
Das südhessische Städtchen Lorsch liegt verkehrsgünstig zwischen den Autobahnen A5 und A67. Es hat eine eigene Bahnstation, von der fussläufig das Kloster erreicht werden kann. Einige gut ausgebaute Radwege kreuzen sich im Ortskern.

