Touristisches Highlight am Niederrhein
Vermarktet werden die Gärten von Kamp als Klostergärten. Dabei ist vom ursprünglichen Klosterkomplex der Zisterzienserabtei im Laufe der Geschichte wenig übrig geblieben. Nach der Aufhebung blieben nur wenige Gebäude erhalten. Sie bilden heute den architektonischen Bezug zu den Gärten, die wir als Kamper Klostergärten kennen. In der Vermarktung als touristisches Highlight funktioniert die Bezeichnung als Klostergarten perfekt. Dabei handelt es sich um Etikettenschwindel. Das Kloster wurde vor mehr als zweihundert Jahren aufgehoben. Die Wiederbelebungsversuche im letzten Jahrhundert endeten vor mehr als zwanzig Jahren. In diesen Zeitraum fiel die Neugestaltung der Kamper Gärten. Was wir heute sehen, ist eine gelungen Neuschöpfung eines barocken Landschaftsgartens. Lediglich vom historischen Bezug auf den Standort des ehemaligen Klosters lässt sich der Begriff Klostergarten ableiten. Die typischen und vor allem auch meditativen Elemente eines Klostergartens fehlen. Seine Gestaltung überrascht durch eine konsequente Konfessionslosigkeit – und das im katholischen Rheinland! Den Menschen gefällt’s. Die heitere Stimmung der Besucherinnen im Garten verrät es.



Terrassen und einiges mehr
Das Kloster Kamp ist das westliche Pendant zum im Osten Deutschlands gelegenen Kloster Neuzelle. Im Gegensatz zum brandenburgischen Neuzelle weckte Kloster Kamp bisher nicht die Begehrlichkeiten eines Zisterzienserordens. Immerhin handelt es sich beim Kloster Kamp um die ursprünglich erste Zisterziensergründung im deutschsprachigen Raum Während im Osten der preussische König das Ende des Klosterbetriebs von Neuzelle beschied, waren es im westlichen Kamp die Franzosen. Im Zuge ihrer bekannten Revolution säkularisierten sie die Klöster. Kamp gehörte damals zu den von Frankreich besetzten Gebieten. So traf es im Jahre 1802 auch das Kloster in Kamp. Damit kam nicht nur das monastisch-spirituelle Leben in Kamp zum Erliegen. Vom ursprünglichen Klosterkomplex ist wenig erhalten geblieben. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts versuchten Karmeliter einen Neuanfang monastischen Lebens in Kamp. Ganz erloschen ist das spirituelle Leben im Kloster Kamp nicht. Ein geistlich-kulturelles Zentrum bietet ein umfangreiches Programm und führt fort, was Zisterzienser einst auf dem Kamper Berg begannen.
Balkonien für alle
Obwohl mehr als 600 Kilometer zwischen den Klöstern Kamp und Neuzelle liegen, haben sie Gemeinsamkeiten. Bei beiden Klöstern sind es ihre barocken Terrassengärten, die beeindrucken und viele Besucher anziehen. Sie sind sozusagen ihr Markenzeichen. Die Terrassen von Kamp sollen sogar als Inspiration für den berühmten Weinberg von Schloss Sanssouci gedient haben. Im Gegensatz zu den Terrassen von Neuzelle und Sanssouci wurden die in Kamp für den Obst- und Weinanbau genutzt. Die Erbauer verbanden damals das Nützliche mit dem Dekorativen.

Gedeihen im Schatten
In der Neugliederung beim Neuaufbau der Klostergärten von Kamp finden sich nun ein separater Obstgarten, der sogenannte alte Garten, ein barocker Schaugarten, und die Terrassengärten. Der fürs Kloster obligatorische Kräutergarten entstand erst im Nachhinein. Die Kräuter wachsen gut beschildert im Schatten grosser Ahornbäume. Es ist ein reiner Schaugarten mit einer kleinen Bank zum Ausruhen vor der ein kleines Brünnlein sprudelt. Er beflügelt die Phantasie, wie wohl so ein klösterlicher Kräutergarten in längst vergangenen Jahrhunderten ausgesehen haben könnte. Wahrscheinlich war es eine eher pragmatische Pflanzung des Notwendigen als die romantisch verträumte Variante, die wir heute besichtigen dürfen. In der Sammlung der etablierten Heilkräuter finden sich auch einige Raritäten, die wir in dieser Grösse in unseren Breiten nicht vermutet hätten.



Heute ist schwer nachzuvollziehen, welchen Aufgaben und Sinn einst die prunkvollen Gartenanlagen beider Klöster dienten. Ihre beeindruckende Gestaltung kennen wir nur von historischen Darstellungen. Inwiefern diese den tatsächlichen Gegebenheiten entsprachen, lässt sich in vielen Fällen nicht sicher sagen. Häufig waren diese Stiche und Gemälde Idealvorstellungen oder auch schlichtweg Pläne. So klar lässt sich das nur selten trennen. Es waren die vorhandenen Abbildungen der Klosteranlagen, die der Neuschaffung der Klostergärten von Kamp als Vorlage dienten. So haben wir in Kloster Kamp ein klares Bild vor Augen, was aber erst vor rund dreissig Jahren entstand.
Garten für alle
Trockenheit und Schatten setzen den Pflanzen zu. Es ist ein schwieriges Geschäft für die Gärtnerinnen in diesen Tagen. So haben die Wiesen ihr Grün verloren und der alte Garten seine blühende Pracht. Wenig Schatten bieten die Bäume des Obstgartens. Nur auf den Terrassen sprudelt das frische Nass und füllt die Becken mit ihren kleinen Fontänen. Die Gärten des ehemaligen Klosters in ihrer Pracht werden geliebt von den Menschen im Revier von Kamp-Lintfort. Für sie ist es der rechte Fleck zum Heiraten, für ein Boulespiel oder einfach nur zum Spazierengehen.
Eine unerwartete Präsenz
Ausgerechnet im barocken Schmuckgarten spielt ein Küchenkraut eine besondere Rolle. Das Besondere daran ist, dass der unterhalb der Terrassen gelegene Gartenteil ein reiner Ziergarten ist und als solcher angelegt. Bei ähnlichen Anlagen befindet sich oftmals an dieser Stelle ein sogenannter Küchengarten. Das war aber hier nicht beabsichtigt. Als Rabattenfüller überrascht der Blutampfer (Rumex sanguineus) die Augen der Betrachter. Typisch für ihn sind seine frisch grünen Blättern, die von roten Nervaturen durchzogen sind. Er ist ein Verwandter des Saumerampfers. Auch die Blätter des Blutampfers schmecken säuerlich, wenn sie jung sind.

Info und Anfahrt:
Die Gärten sind öffentlich und frei zugänglich.
Mit dem Bus, dem Fahrrad und auch zu Fuss sind die Gärten von Kamp-Lintfort gut zu erreichen. Wer aufs Auto nicht verzichten will, findet grosse Parkplätze mit wenig Schatten.
https://www.kloster-kamp.eu/gaerten

